Heute ist der 8.05.2026 und der Kanton Thurgau steht, sagen wir mal, in einem ziemlich ungemütlichen Licht da. Immer noch ohne ein eigenes Frauenhaus! Das ist schon erstaunlich, wenn man bedenkt, dass hier über 300.000 Menschen leben. Der Thurgau ist der einzige Kanton in der Schweiz mit mehr als 200.000 Einwohnern, der auf eine solche schützende Einrichtung verzichten muss. Wo sollen schutzbedürftige Frauen hin, wenn sie Hilfe brauchen? Sie sind gezwungen, auf Frauenhäuser in anderen Kantonen angewiesen zu sein, und das ist ein echtes Problem. Eine Leistungsvereinbarung mit dem Frauenhaus Winterthur soll zwar eine Lücke schließen, aber die Realität sieht oft anders aus.
Was noch alarmierender ist: Die bestehenden Frauenhäuser in der Schweiz sind chronisch überlastet. Das zeigte sich schon im Jahr 2024, als 25 Frauen und 39 Kinder aus dem Thurgau in einem Frauenhaus untergebracht waren. Wenn die Kapazitäten nicht ausreichen, werden Frauen und Kinder in andere Kantone verteilt – ein wahrlich unhaltbarer Zustand. Blert Berisha von der Dachorganisation der Schweizer Frauenhäuser sagt, dass die Anonymität eines Frauenhauses im Thurgau nicht von der Größe des Kantons abhängt, sondern von dessen professioneller Umsetzung. In Schaffhausen hat man bereits Erfahrungen mit der Anonymität gesammelt, doch eine Lösung scheint auch dort nicht in Sicht, nachdem das letzte Frauenhaus 2013 geschlossen wurde.
Ein breites Bündnis für Veränderung
Die Sorgen sind groß, vor allem bei den Mitgliedern der Arbeitsgruppe FrauenhausTGjetzt, die mit Nachdruck eine parteiübergreifende Motion an den Regierungsrat fordert. Das Ziel: eine aktive Mitträgerschaft für ein Frauenhaus im Thurgau. Der Grosse Rat hat eine breite Mehrheit, SP, Grüne, Mitte/EVP, GLP und FDP unterstützen die Initiative, während die SVP Bedenken äußert und Statistiken zu häuslicher Gewalt bei Ausländerinnen und Ausländern anführt. Es ist ein heiß diskutiertes Thema, das nicht nur die Politik beschäftigt, sondern auch die Zivilgesellschaft auf den Plan ruft. Demonstrierende fordern eine Zusammenarbeit mit Schaffhausen und anderen Kantonen ohne eigenes Frauenhaus.
Im Hintergrund stehen die alarmierenden Zahlen: Alle zwei Wochen stirbt eine Frau in der Schweiz durch häusliche Gewalt. Laut einem Parallelbericht zur Istanbul-Konvention fehlen in der Schweiz etwa 75% der notwendigen Schutzplätze. Der Europarat empfiehlt ein Familienzimmer pro 10.000 Einwohner; für den Thurgau wären das mindestens 30 Plätze. Da kommt man nicht umhin, sich ernsthaft zu fragen: Wo bleibt die Verantwortung? Die Kritik an der chronischen Unterfinanzierung und dem fehlenden Einbezug von Zivilgesellschaft und Fachpersonen wird immer lauter. Ein Frauenhaus im Thurgau wird also nicht nur als notwendig, sondern auch als dringend erachtet.
Ein Schritt in die richtige Richtung?
Regierungsrätin Sonja Faller Graf hat angekündigt, die Forderungen zu evaluieren und Kontakt mit dem Kanton Schaffhausen aufzunehmen. Vielleicht, nur vielleicht, könnte dies der erste Schritt in die richtige Richtung sein. Am 29. April 2026 wird der Kantonsrat über die Interpellation „Ermordet, weil sie Frauen sind“ debattieren. Das Thema ist drängend, und die Arbeitsgruppe plant, bei jeder Sitzung des Grossen Rates in Frauenfeld präsent zu sein, um auf die Missstände aufmerksam zu machen. Die Stimmen derjenigen, die auf Hilfe angewiesen sind, dürfen nicht in der politischen Debatte untergehen.