Velorouten oder Existenzangst? Zürichs Radmobilität im Zwiespalt
Die Stadt Zürich setzt mit der Planung eines 130 Kilometer langen Veloroutennetzes ein großes Zeichen für die Radmobilität. Doch während das Vorhaben auf der einen Seite als zukunftsweisend gilt, stehen auf der anderen Seite die betroffenen Gewerbetreibenden und Anwohner, die um ihre Existenz fürchten. Ein besonders eindrückliches Beispiel ist die Tankstelle im Kreis 6 von Muhedin Skalonjic. Seit 30 Jahren betreibt er seine Tankstelle, hat ein Unternehmen mit 20 Filialen aufgebaut und sieht sich nun durch die neuen Velorouten in seiner Existenz bedroht.
Die geplante Veloroute an der Sonneggstrasse könnte seine Zufahrt erheblich erschweren und den Umsatz um die Hälfte drücken. Skalonjic hat nichts gegen Velorouten per se, aber er fragt sich ernsthaft, warum gerade an dieser Stelle ein Bedarf besteht. Seine Tankstelle ist nicht nur ein Ort zum Tanken und Scheibenputzen, sie fungiert auch als Quartiertreff – ein wichtiger sozialer Knotenpunkt in der Nachbarschaft. Über 20 Parteien, darunter Anwohner und Gewerbetreibende, haben bereits Einspruch gegen die Veloroute erhoben. Doch die Stadt sieht die wirtschaftliche Existenz der Tankstelle nicht gefährdet. Der Stadtrat argumentiert, dass Skalonjic ein gutes Angebot bieten müsse, um seine Kunden zu halten – eine Ansicht, die viele in der Nachbarschaft nicht nachvollziehen können.
Der Widerstand wächst
Der Widerstand gegen die Velorouten nimmt zu. Rund 65 von 124 Parkplätzen im Umfeld der geplanten Veloroute sollen gestrichen werden. Das sorgt nicht nur für Unmut, sondern bringt auch die Anwohner auf die Barrikaden. Bereits 2020 wurde die Velorouten-Initiative der SP angenommen, doch die Umsetzung steht unter einem schlechten Stern. Der Stadtrat benötigte fast zwei Jahre, um die Einsprüche abzulehnen. Und während die Stadt die Schwierigkeiten bei der Zufahrt anerkennt, sieht sie keinen Handlungsbedarf für eine Anpassung der Pläne. Stattdessen zeigt man sich überzeugt davon, dass die neue Infrastruktur das Radfahren in der Stadt fördern wird.
Doch was steckt hinter dieser Veloroutenplanung? Am 1. Januar 2023 trat das nationale Veloweggesetz in Kraft, welches die Kantone dazu verpflichtet, innerhalb von fünf Jahren Velonetzpläne zu erstellen. Für Zürich bedeutet das, dass bis spätestens 2042 ein vollständiges Velonetz umgesetzt sein muss. Bereits 2016 wurde der kantonale Velonetzplan erstellt, der verschiedene Qualitätsstufen der Veloverbindungen definiert. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung war das Umsetzungsprogramm Velonetz, welches nun vorliegt und als Meilenstein für die Vervollständigung des Netzes gilt.
Die Velostrategie 2030
Unterstützt wird die Umsetzung durch die Velostrategie 2030 der Stadt Zürich, die in Zusammenarbeit mit der Metron AG entwickelt wurde. Diese Strategie ist Teil des übergeordneten Plans für den Stadtverkehr 2025 und zielt darauf ab, eine stadtverträgliche Mobilität zu fördern. Der Masterplan Velo, der 2012 vom Stadtrat verabschiedet wurde, enthält bereits konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Radinfrastruktur. Allerdings gab es in der Vergangenheit Bedenken, dass es an Stossrichtungen zwischen Zielen und Maßnahmen mangelt. Um dem entgegenzuwirken, wurden die Handlungsfelder aktualisiert und die Rahmenbedingungen überarbeitet, um die Veloförderung effizienter zu gestalten.
Die neue strategische Planung, die im November 2020 vom Steuerungsausschuss „Stadtverkehr 2025“ genehmigt wurde, zeigt, dass die Stadt aktiv an Lösungen arbeitet. Doch für Menschen wie Skalonjic bleibt die Frage, ob diese Pläne auch tatsächlich die Bedürfnisse der Gewerbetreibenden und Anwohner berücksichtigen. Mit einer Petition, die innerhalb von nur zehn Tagen über 500 Unterschriften erhielt, versucht er, Gehör zu finden und die Diskussion über die Velorouten an der Sonneggstrasse zu beleben. In dieser Auseinandersetzung wird deutlich: Fortschritt in der Mobilität kann nicht auf Kosten der bestehenden Strukturen und Gemeinschaften gehen.
