Die vergessenen Stimmen hinter Zäunen: Ein Blick auf die Administrativhaft in der Schweiz
In der Schweiz, und speziell in Zürich, ist das Thema der Administrativhaft für Ausländer nicht nur ein rechtliches, sondern auch ein zutiefst menschliches Anliegen. Hier sitzen Menschen, die oft wochen- oder sogar monatelang auf ihre Ausschaffung warten. Sie sind nicht wegen schwerer Verbrechen inhaftiert, sondern aufgrund von rechtlichen Verstößen wie einem rechtswidrigen Aufenthalt oder Missachtung behördlicher Auflagen. Jonas Ertle, ein 21-jähriger Physikstudent, hat sich dem Verein Solinetz angeschlossen, um diesen Inhaftierten eine Stimme zu geben. In den letzten drei Jahren hat er rund 15 Menschen kennengelernt, die in der gleichen bedrückenden Situation stecken.
Im Zentrum für ausländerrechtliche Administrativhaft (ZAA) sind die Zustände oft bedrückend. Die meisten Insassen leiden unter psychischen Problemen wie Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen. Nur wenig Abwechslung bringt der Alltag dort, denn es gibt keine Bildungsangebote und die Arbeitsmöglichkeiten sind stark eingeschränkt – oft nur wenige Stunden am Tag. Diese Umstände führen nicht selten dazu, dass die Menschen in der Haft noch mehr an ihrer psychischen Gesundheit zu kämpfen haben. Interessanterweise kritisierte die Nationale Kommission zur Verhütung von Folter die Ausschaffung von psychisch kranken Menschen, was auf ein tiefes Dilemma im System hinweist.
Das System hinter den Mauern
Die Administrativhaft ist keine strafrechtliche Maßnahme, sondern soll die Sicherstellung ausländerrechtlicher Maßnahmen gewährleisten. Häufig sind die Gründe für die Inhaftierung Untertauchungsgefahr oder die Missachtung von Anordnungen. Der Prozess ist langwierig und oft frustrierend – für die Inhaftierten und auch für die Mitarbeitenden im ZAA, die unter den bestehenden Bedingungen ihr Bestes geben. Jonas Ertle hebt hervor, wie wichtig die Arbeit der Angestellten ist, sieht aber auch die strukturellen Probleme, die das System umgeben. Der Psychiater, der zweimal pro Woche im ZAA Gespräche führt, kann zwar helfen, doch die Ressourcen sind begrenzt.
Ein Blick über die Grenzen nach Deutschland zeigt, dass es auch dort Herausforderungen im Umgang mit Asylbewerbern gibt. Während diese in den Aufnahmeeinrichtungen registriert und auf verschiedene Standorte verteilt werden, erhalten sie Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist nach neun Monaten möglich. Im Gegensatz dazu sind die Menschen in der Administrativhaft in der Schweiz oft ohne Perspektive – sowohl rechtlich als auch psychisch. Viele von ihnen haben Angst vor der Rückkehr in ihre Herkunftsländer, aus denen sie aus existenziellen Gründen geflohen sind.
Die Zunahme der geflüchteten Menschen in Deutschland verdeutlicht ein weiteres Problem: Viele Neuankömmlinge bringen eine schwere psychische Belastung mit sich. Die Zugangshürden im psychosozialen Versorgungssystem sind hoch, und es fehlt an qualifizierten Fachkräften, die die spezifischen Bedürfnisse von Menschen mit Migrationshintergrund verstehen. Auch in der Schweiz ist dies ein Thema, das dringend angepackt werden muss, denn die psychische Gesundheit der Inhaftierten ist oft stark beeinträchtigt. Es ist nicht nur eine Frage der Behandlung, sondern auch der präventiven Maßnahmen, die dringend etabliert werden sollten.
In beiden Ländern gibt es also ein dringendes Bedürfnis nach Reformen, die darauf abzielen, die Lebensbedingungen und die psychische Gesundheit der Inhaftierten zu verbessern. Während Jonas Ertle hofft, dass die Ausschaffungshaft in der Schweiz irgendwann abgeschafft oder zumindest minimiert wird, bleibt abzuwarten, ob sich auch in Deutschland die Rahmenbedingungen für Asylbewerber und Flüchtlinge so verändern, dass sie nicht nur rechtlich, sondern auch menschlich eine faire Chance erhalten.
