Heute ist der 8.05.2026 und es bleibt nicht viel Zeit, um sich mit den verschwundenen Prachtstücken der Schweizer Alpen auseinanderzusetzen. Ein Blick auf unsere Gletscher ist wie ein Blick in einen Spiegel, der uns die fragilen Zustände unserer Umwelt vor Augen führt. Die neuesten Berichte über den Winter 2025/26 sind alarmierend: Unsere Gletscher haben 25% weniger Schnee als im Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2020. Das ist nicht einfach nur eine Zahl, das sind die Schreie der Berge, die uns warnen!
Messungen von Glamos zeigen, dass einige Gletscher die dünnste Schneedecke seit den ersten Aufzeichnungen aufweisen. Matthias Huss, ein Gletscherforscher mit einem wachen Blick für die Realität, warnt eindringlich: „Ohne eine ausreichende Schneedecke ist das darunterliegende Eis der Sonne schutzlos ausgeliefert.“ Und das ist nicht alles. Eine dünne Schneeschicht beschleunigt die Schmelze des Gletschereises – ein Teufelskreis, der durch den Albedo-Effekt noch verstärkt wird. Dunkles Eis, das mehr Sonnenenergie absorbiert, wird immer mehr zur hitzigen Falle. Die Situation ist regional sehr unterschiedlich, am dramatischsten zeigt sich der Schneemangel in der Südostschweiz.
Schnee, wo bist du?
Die neuen Negativrekorde auf den Gletschern Pers und Murtèl im Engadin sind ein weiterer Beweis dafür, dass wir uns in stürmischen Gewässern befinden. Auch in anderen Regionen, wie dem südlichen und östlichen Wallis, sowie in der Zentralschweiz und im Tessin, schwanken die Schneemengen zwischen 15 und 40%. Nur im westlichsten Berner Oberland und im westlichen Wallis scheinen die Schneemengen noch in Ordnung zu sein. Was wird aus den Gletschern, wenn die Winter weiterhin so schneearm bleiben? Huss vergleicht die gegenwärtige Lage sogar mit den Extremjahren 2022 und 2023, als die Gletscher fast 10% ihres Volumens verloren. Das sind keine schönen Aussichten und die Sorge um einen weiteren warmen Sommer wie in den letzten Jahren ist mehr als berechtigt.
Das Abtauen von Meereis im Sommer hat nicht nur Einfluss auf die Gletscher, sondern auch auf die Ozeane. Eine dunkle Meeresoberfläche absorbiert mehr Sonnenlicht, wodurch die Ozeane zunehmend mehr Wärme aufnehmen. Diese positive Rückkopplung ist besonders im nördlichen Polargebiet ausgeprägt, aber auch in unseren Permafrostregionen und Inlandsgletschern ist der Effekt zu beobachten. Wenn die eisfreien Bodenflächen mehr Wärme speichern, ist die Frage, wie lange wir noch den Anblick der majestätischen Gletscher genießen können. Es gibt zwar Maßnahmen, wie das Abdecken von Gebirgsgletschern mit hellen Folien, um den Rückstrahleffekt der Sonne zu erhalten, aber werden wir rechtzeitig handeln?
Ein Blick in die Zukunft
Wilfried Haeberli, ein weiterer Gletscherforscher, ist überzeugt, dass die Gletscher wahrscheinlich verloren sind. Der Zusammenhang zwischen Klimaerwärmung und Gletscherschmelze wird intensiv untersucht, denn unsere Gletscher gelten als „Fieberthermometer des Weltklimas“. Und es zeigt sich, dass nicht nur die Temperatur eine Rolle spielt, sondern auch die Niederschlagsmenge. Das Wetter, das wir kennen, ist ein Tanz von vielen Faktoren: Hangneigung, Bodenbeschaffenheit und die Launen von Mutter Natur selbst. Kalte Winter allein sind nicht genug, um die Gletscher zu regenerieren – wir brauchen kühle, niederschlagsreiche Sommer. Doch mit jedem schmelzenden Gletscher verändert sich die Landschaft. Ehemalige Gletschertäler verwandeln sich in Gesteinswüsten, und die Wasserknappheit, die daraus resultiert, betrifft nicht nur uns Menschen, sondern auch Pflanzen und Tiere.
Die Erwärmung destabilisiert zudem den gefrorenen Boden der Alpen. Das hat zur Folge, dass Erdrutsche und Bergabgänge zunehmen. Der Vernagtferner im Tiroler Ötztal hat in den letzten 150 Jahren zwei Drittel seiner Eismasse verloren. Und wie steht es um den Schneeferner, der einst die Zugspitze bedeckte? Auch er hat sich auf kaum mehr als 50 Hektar reduziert. Wenn wir an die Zukunft denken, wird geschätzt, dass bis 2050 mehr als die Hälfte der Gletscherfläche von 2000 verschwunden sein wird. Das sind keine leichten Gedanken, die uns durch den Kopf gehen, wenn wir an die Schönheit der Schweizer Alpen denken.
Die Gletscherschmelze könnte uns in eine Wasserknappheit führen, denn drei Viertel unserer Süßwasserreserven stammen aus Eis und Schnee. Und das alles, während wir zusehen, wie unsere Gletscher langsam, aber sicher verschwinden. Die Zeit drängt, und wir müssen handeln, bevor es zu spät ist.