Im Thurgau sorgt die Geschichte von Marco Tinbergen für Aufsehen. Der 54-Jährige, ein erfahrener Hotelfachmann mit 35 Jahren Berufserfahrung, hat seit zwei Jahren keinen neuen Job gefunden. Über 400 Bewerbungen hat er abgeschickt – und nur vier Einladungen zu Interviews erhalten. Das ist schon eine ganz schön frustrierende Bilanz, oder? Besonders, wenn man bedenkt, dass Tinbergen trotz seiner Qualifikationen und Weiterbildungen in gastronomischen und kaufmännischen Bereichen vor einem riesigen Berg von Absagen steht. Er hat sich sogar auf Stellen beworben, für die er überqualifiziert ist, nur um endlich wieder ins Berufsleben zurückzukehren.
Was ihm besonders sauer aufstößt, ist die Altersdiskriminierung, die er und viele Gleichaltrige immer wieder erleben müssen. „Ich bin flexibel, lernbereit und IT-affin“, sagt er. Doch das scheint in der heutigen Arbeitswelt oft nicht zu zählen. Stattdessen sieht er in der Praxis, dass viele Bewerbungen von Computern vorab geprüft werden, was die Chancen für ältere Bewerber drastisch verringert. Das nennt er das „Diplömli-Denken“, denn viele ältere Menschen, die vielleicht nicht die neuesten Abschlüsse vorweisen können, haben dennoch wertvolle praktische Fähigkeiten. Und das ist schließlich das, was in vielen Berufen wirklich zählt.
Die Schattenseite der Stellensuche
Der Frust ist greifbar, wenn Tinbergen von seinen Erfahrungen berichtet. Schnelle Absagen, digitale Hürden und die ständigen Hinweise auf lange Arbeitswege machen die Suche nach einem neuen Job nicht gerade einfacher. Er kritisiert die Diskrepanz zwischen den Aufforderungen, sich auf ausserregionale Stellen zu bewerben, und den tatsächlichen Chancen, die einem dabei geboten werden. „Es ist einfach nicht fair“, findet er, „da kommen immer wieder diese Vorurteile, die niemand so wirklich hinterfragt.“
Und er ist nicht allein mit seinem Schicksal. Ein weiterer Betroffener, der 55-jährige Paul Weber, hat eine ähnliche Geschichte zu erzählen. Nach über zehn Jahren in einem Job kündigte er, überzeugt vom Fachkräftemangel, um eine neue Herausforderung zu finden. Doch was folgte, waren 13 Monate voller Absagen, die er klar als Altersdiskriminierung identifiziert. „Es ist schon komisch“, sagt er, „da wird immer wieder betont, wie dringend Fachkräfte gesucht werden, aber die Realität sieht anders aus.“
Altersdiskriminierung und Fachkräftemangel: Ein Widerspruch?
Die Realität zeigt, dass ältere Personen zwischen 50 und 64 Jahren in der Schweiz zwar nicht häufiger arbeitslos sind als Jüngere, aber deutlich länger für einen neuen Job benötigen. Die Arbeitslosenquote beträgt bei den 50-64-Jährigen 1,9 Prozent, und im Juni 2024 waren fast 30.000 über 50-Jährige bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren gemeldet. Das ist eine beachtliche Zahl, und viele von ihnen sind bereits seit über einem Jahr auf der Suche. Die Langzeitarbeitslosigkeit bei dieser Altersgruppe liegt bei 19,8 Prozent – eine Zahl, die alarmierend ist!
Ein Personalvermittler hat die Problematik klar auf den Punkt gebracht: Unternehmen zeigen sich oft wenig flexibel und ziehen es vor, den traditionellen Wunschprofilen zu folgen. Quereinsteiger oder ältere Bewerber haben es da schwer. Obwohl der Arbeitgeberverband SAV keine Altersquoten oder Vorränge für ältere Bewerber unterstützt, zeigt sich, dass es einen klaren Bedarf an Veränderungen gibt. Paul Weber wünscht sich klare Vorgaben des Bundes, um älteren Bewerbern bessere Chancen zu geben. „Das wäre wirklich ein Schritt in die richtige Richtung“, meint er.
Marco Tinbergen und Paul Weber sind zwei von vielen, die mit ihren Geschichten die Problematik der Altersdiskriminierung in den Fokus rücken. Sie wollen nicht nur für sich selbst, sondern auch für viele Gleichaltrige sprechen, die trotz ihrer Qualifikationen und Erfahrungen vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Es bleibt zu hoffen, dass ihre Geschichten nicht nur gehört werden, sondern auch zu einem Umdenken führen.