Die tickende Zeitbombe der Solothurner Uhrenindustrie
Im pulsierenden Herz der Solothurner Uhrenindustrie hat sich in den letzten Jahrzehnten eine besorgniserregende Geschichte entfaltet. In den 1960er-Jahren, als die Uhrenarbeiter täglich bis zu 30 Schmerztabletten konsumierten, um den körperlichen und geistigen Anforderungen ihrer monotonen Tätigkeiten gerecht zu werden, wurde der Schmerzmittelkonsum zur Normalität. Lange Arbeitszeiten, ein unerbittlicher Lärm und grelles Licht forderten ihren Tribut. Die Menschen in Grenchen SO und am Jurasüdfuss litten nicht nur unter Erschöpfung, sondern auch unter ernsthaften gesundheitlichen Problemen, insbesondere Nierenerkrankungen. Fabriken wie ETA und ASSA prägten das Stadtbild und schufen Arbeitsplätze, die oft jedoch mit hohen physischen Belastungen einhergingen.
Besonders bemerkenswert ist, dass der Druck auf die Arbeiter, oft nach Stückzahl bezahlt, den Schmerzmittelkonsum nur verstärkte. Während Männer ihre Löhne aufbesserten, arbeiteten Frauen unter besonders harten Bedingungen und erhielten oft nur die Hälfte des Gehalts ihrer männlichen Kollegen – eine Ungerechtigkeit, die bis heute nachhallt. Schmerzmittel wie Saridon und Kafa-Pulver, das in den täglichen Kaffee gerührt wurde, waren in Kiosken und Automaten frei erhältlich. Auf dem Weg zur Arbeit schnell noch ein Brötchen, eine Zigarette und – natürlich – die nötigen Pillen. Ein ganz normaler Start in den Arbeitstag.
Die Folgen der Uhrenkrise
Die Uhrenkrise in den 1970er-Jahren stellte dann alles in Frage. Mit der Einführung von Quarzuhren sank die Nachfrage nach mechanischen Uhren dramatisch, was nicht nur zu einem Rückgang des Schmerzmittelkonsums führte, sondern auch zu massiven Arbeitsplatzverlusten in Grenchen. Der Chefarzt des Bürgerspitals Solothurn hatte bereits 1958 den hohen Schmerzmittelkonsum kritisiert, aber erst mit dem Verbot von Kombinationspräparaten in den 80ern kam eine Wende. Nicolas Hayek’s Initiative zur Produktion der Swatch in Grenchen sollte schließlich das Ruder herumreißen und der Uhrenindustrie neuen Schwung verleihen.
Doch die Schatten der Vergangenheit sind lang. Schmerzmittel, die bei akuten Beschwerden helfen, können auch ernsthafte Nebenwirkungen haben. Sehstörungen, Müdigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten sind nur einige der Begleiterscheinungen, die die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen können. In Berufen, in denen Sicherheit an erster Stelle steht – etwa im Gerüstbau oder in der Zimmerei – können solche Beeinträchtigungen fatale Folgen haben. Die gesetzliche Vorgabe, dass Arbeitnehmer gesundheitliche Beeinträchtigungen durch Medikamente melden müssen, wird oft ignoriert, da der Leistungsdruck enorm ist.
Ein Blick in die Zukunft
Die Herausforderung, mit chronischen Schmerzen umzugehen, bleibt bestehen. Viele verzichten aus Angst vor Nebenwirkungen auf Schmerzmittel, sind aber trotzdem nicht arbeitsfähig. Sport und Selbstmanagement könnten helfen, doch der Druck, Leistung zu bringen, führt oft zu einem Teufelskreis. Suchtberatungsstellen und Psychotherapien bieten Unterstützung, aber viele erkennen nicht einmal, dass sie bereits auf dem Weg zur Abhängigkeit sind. Die Geschichte der Solothurner Uhrenindustrie ist also nicht nur eine Geschichte von Uhren und Maschinen, sondern auch von Menschen, die unter enormem Druck stehen – und manchmal einfach nur ein wenig Hilfe brauchen.
