Im Kanton Graubünden gibt es eine Geschichte, die viele oft verblüffen dürfte. Zwischen 1900 und 1925 herrschte hier ein striktes Autoverbot, das die Straßen fast wie in einer anderen Zeit wirken ließ. Man stelle sich vor: Autos mussten an der Kantonsgrenze abgestellt werden, und die Reisenden stiegen in Pferdekutschen um. Ja, tatsächlich! Das Bild eines Pferdefuhrwerks, das ein abgeschlepptes Auto vor dem Restaurant Krone in Chur zieht, könnte zwischen 1900 und 1911 entstanden sein und könnte das Gefühl dieser Ära perfekt einfangen. Ein Stück Zeitgeschichte, das zum Schmunzeln anregt.
Die Kantonsregierung hat am 17. August 1900 beschlossen, die motorisierten Vehikel auf allen Straßen zu verbannen – und das aus gutem Grund. Beschwerden über den Lärm und Gestank der neuen Maschinen gingen ein wie ein Schwarm Mücken im Sommer. Die engen, ungeteerten Schotterstraßen waren für die gemächlichen Postkutschen und Fuhrwerke konzipiert, nicht für die rasend schnellen Autos. Und die sozialen Spannungen waren nicht zu übersehen: Autos galten als Luxusgut der Oberschicht, während die Einheimischen für den Straßenunterhalt aufkommen sollten. Irgendwie hat dieses Verbot auch den Tourismus gebremst. Touristen mussten, um in die herrlichen Berge zu gelangen, mit dem Zug anreisen und ihre Autos an der Grenze stehen lassen. Ein bisschen wie im Mittelalter, nicht wahr?
Ein Umdenken nach dem Ersten Weltkrieg
Doch dann kam der Erste Weltkrieg und mit ihm ein Umdenken. Motorisierte Fahrzeuge wurden plötzlich unverzichtbar, vor allem für die Versorgung und medizinische Notfälle. Im Jahr 1919 wurde das Postauto eingeführt, was die Akzeptanz der motorisierten Fortbewegung wieder ankurbelte. Das Autoverbot wurde in zehn Volksabstimmungen hart umkämpft. Bis 1918 gewannen die Gegner des Automobils fünf Abstimmungen, doch am 21. Juni 1925 war es dann soweit: Mit einer knappen Mehrheit von 52% wurde das Verbot aufgehoben. Und was dann passierte, war einfach atemberaubend: Innerhalb von nur sechs Jahren verzehnfachte sich die Zahl der Fahrzeuge im Kanton.
Stellt euch vor, im Jahr 1925 gab es im ganzen Kanton Graubünden gerade einmal 135 Personenwagen. Bis 1967 stieg diese Zahl auf 24.000 und 2020 auf unglaubliche 115.000. Heute zählt Graubünden rund 200.000 Einwohner und hat sich zu einem Kanton mit einer der höchsten Autodichten in der Schweiz entwickelt. Man könnte fast sagen, die Bündnerinnen und Bündner besitzen pro Kopf mehr Autos als der Rest des Landes!
Die Herausforderungen der modernen Mobilität
Doch mit der Massenmotorisierung kamen auch Herausforderungen – schöne Straßen, die zu atemberaubenden Landschaftserlebnissen einladen, mussten gebaut werden. Und da sind wir wieder im Hier und Jetzt: Aktuell wird über Autoverbote diskutiert, dieses Mal im Kontext von Klimaschutz und der Überlastung der Alpenpässe. In Städten wie Chur hat man autofreie Zonen geschaffen und den Verkehr an bestimmten Tagen eingeschränkt, um sanfte Mobilität zu fördern.
Manchmal könnte man meinen, die Geschichte wiederhole sich. Vor hundert Jahren waren es die Gegner des Automobils, die sich gegen die drohende Veränderung stemmten. Heute stehen wir vor ähnlichen Fragen: Wie gehen wir mit den Herausforderungen des motorisierten Verkehrs um? Die Debatte ist lebendig und aktuell wie nie, und Graubünden bleibt ein faszinierendes Beispiel für den Wandel in der Mobilität. Wer weiß, vielleicht wird hier bald wieder eine neue Geschichte geschrieben, die uns an die Vergangenheit erinnert. Und das alles begann mit einem Pferdefuhrwerk und einem mutigen Beschluss der Kantonsregierung.