Lust oder Liebe: Der Zwiespalt in Wagners Tannhäuser am Opernhaus Zürich
Heute ist der 23.06.2026, und ich kann euch sagen, dass die Vorfreude auf Richard Wagners „Tannhäuser“ am Opernhaus Zürich förmlich in der Luft liegt. Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson hat sich an dieses romantische Meisterwerk gewagt, das den ewigen Kampf zwischen sakraler und profaner Liebe thematisiert. Der Protagonist Tannhäuser, ein Dichter und Künstler, sucht Erlösung durch die Liebe Gottes und die keusche Elisabeth. Ein Thema, das so zeitlos ist wie das Leben selbst. Wer könnte da nicht aufhorchen?
Die Inszenierung hat ihre Stärken, vor allem im dritten Akt, wo Tannhäusers psychischer Zusammenbruch eindringlich dargestellt wird. Hier zeigt sich, wie tief der Konflikt zwischen Lust und Liebe in ihm verwurzelt ist. Allerdings, und das muss man leider auch erwähnen, gibt es in den ersten beiden Akten einige Schwächen, die den Zuschauer nicht so recht packen können. Die Eröffnungsszene wirkt wenig inspiriert, und auch die Figur der Venus, gespielt von Rachael Wilson, bleibt ein wenig unterkühlt – fast so, als würde sie uns insgeheim anlächeln, aber nicht wirklich berühren.
Ein Spiel der Gegensätze
In „Tannhäuser“ begegnen wir dem Gegensatz zwischen der ungehemmten Lust, verkörpert durch die Liebesgöttin Venus, und der keuschen Liebe, die Elisabeth von Thüringen symbolisiert. Diese Dualität ist nicht nur spannend, sondern auch eine perfekte Grundlage für musikalische Höhepunkte. Tugan Sokhiev am Dirigentenpult wählt langsame Tempi, die die Sänger manchmal bremsen – ein bisschen wie der Verkehr in Zürich zur Rush Hour. Man fragt sich, ob das die richtige Entscheidung war.
Die Handlung selbst entfaltet sich, als Tannhäuser die Liebesgöttin verlässt und im Tal der Wartburg auf die Ritter trifft, unter denen auch Wolfram von Eschenbach ist. Der Gesangswettbewerb, in dem Tannhäuser ein Lied über Sinnesfreuden improvisiert, sorgt für einen Aufschrei im Publikum – die Ritter sind schockiert! Diese Szene ist einfach unvergesslich und zeigt, wie rebellisch Tannhäuser gegenüber den gesellschaftlichen Sitten ist.
Ein zwiespältiges Erlebnis
Doch trotz dieser beeindruckenden Momente bleibt die Inszenierung in ihrer Gesamtheit etwas uneinheitlich. Christian Gerhaher, der Wolfram von Eschenbach spielt, bleibt in seinen Motivationen unklar, und Eric Cutler, der als Tannhäuser debütiert, fehlt es an der notwendigen Charaktertiefe. Man fragt sich, wo die Emotionen geblieben sind, während man den beeindruckenden Bühnenaufbau und die prachtvollen Kostüme bewundert.
Matthias Schulz, der Intendant der Oper Zürich, hat sich zurückhaltend zu einem Streit zwischen den Bayreuther Festspielen und Michel Friedman geäußert, der im Rahmen des Wagner-Festivals aufkam. Da fragt man sich: Was hat das wohl mit dieser Inszenierung zu tun? Vielleicht spiegelt sich hier ein gewisses Spannungsfeld wider, das auch in Wagners Werk zu finden ist.
Und während die Zuschauer im Opernhaus in Zürich die Musik und die Darbietungen aufsaugen, bleibt die Frage: Wer wird am Ende die Oberhand gewinnen – die Lust oder die Liebe? Vielleicht ist das die wahre Magie von „Tannhäuser“: dass wir nie die Antwort wissen werden und doch immer wieder hoffen, dass die Liebe siegt. So bleibt uns nur, uns auf die kommenden Aufführungen zu freuen und den Zauber dieser schillernden Inszenierung zu genießen.
