Sprengstoff mit Zukunft: Brig-Glis‘ SSE im Wandel zur Verteidigungsindustrie
Im Herzen des Wallis, genauer gesagt in Brig-Glis, wird seit über 130 Jahren ein ganz besonderes Handwerk betrieben. Die Société Suisse des Explosifs (SSE) hat sich auf die Produktion von Sprengstoffen spezialisiert und beschäftigt dafür rund 40 Mitarbeiter, die im Dreischichtbetrieb rund um die Uhr tätig sind. Unglaubliche 2000 Tonnen Sprengstoffpulver und über 13 Millionen Meter Zündschnüre verlassen jährlich die Hallen des Unternehmens. Was viele nicht wissen: Gegründet wurde die SSE im Jahr 1898, um Dynamit für den Simplon-Eisenbahntunnel zu liefern. Historisch gesehen lag der Fokus auf zivilen Anwendungen, militärische Geschäfte waren nicht Teil der Strategie.
Doch wie so oft in der Geschichte, brachte der russische Angriff auf die Ukraine 2022 eine Wende. Die SSE überarbeitet ihre Unternehmensstrategie und plant nun, zur Sicherung der europäischen Verteidigungsfähigkeit beizutragen. Was für ein Schritt! Der Umsatz im Verteidigungssektor machte im letzten Jahr gerade einmal 2% des Gesamtumsatzes von 179 Millionen Franken aus. Aber der Markt für zivile Sprengstoffe in Europa wird auf satte 1,5 Milliarden Franken geschätzt. Für die SSE bedeutet das: Hier gibt es Potenzial!
Neue Ziele und Herausforderungen
Die SSE beliefert dabei ausschließlich europäische Märkte im Verteidigungssektor. Ein strategischer Plan sieht vor, den Anteil von Dual-Use-Produkten innerhalb der nächsten 2-3 Jahre auf maximal 10% zu steigern. Und die Nachfrage nach Trinitrotoluol (TNT) könnte auf über 30.000 Tonnen jährlich ansteigen. Allerdings hat die SSE klargestellt, dass sie nicht in die TNT-Produktion einsteigen möchte. Stattdessen konzentriert sich das Unternehmen auf Pentrit (PETN), das im militärischen Bereich zur Sprengung von Landminen verwendet wird. Eine klare Entscheidung, die zeigt, dass man sich auf die eigenen Stärken besinnt.
Unterstützung erhält die SSE von der Schweizer Armee sowie von Armasuisse beim Aufbau ihrer Rüstungsgeschäfte. Ein geplanter Zusammenschluss mit dem französischen Konkurrenten EPC scheiterte allerdings. Das Ziel der SSE ist es, vom derzeit fünftgrößten Anbieter in Europa zum Marktführer im Bereich zivile Sprengstoffe aufzusteigen. Ein ambitioniertes Vorhaben, das sicherlich viele Herausforderungen mit sich bringt.
Die europäische Rüstungsindustrie im Wandel
Die Rüstungsindustrie der EU hat sich in den letzten Jahren erheblich verändert. Sie spielt eine entscheidende Rolle für die Sicherheit und strategische Autonomie der Europäischen Union. Geopolitische Spannungen haben dazu geführt, dass die EU die Verteidigung priorisiert. Es wird daran gearbeitet, die Rüstungsindustrie reaktionsfähiger, innovativer und wettbewerbsfähiger zu machen. Artikel 173 AEUV beispielsweise fördert die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie, einschließlich des Rüstungssektors.
Die Europäische Verteidigungsagentur (EDA) wurde 2004 gegründet, um verteidigungsfähige Strukturen zu entwickeln. Das Ziel ist klar: die Produktionskapazitäten der Rüstungsindustrie ausbauen und die Zusammenarbeit zwischen den Unternehmen in der EU verbessern. Mit einem Budget von fast 8 Milliarden Euro für den Zeitraum 2021-2027 unterstützt der Europäische Verteidigungsfonds (EVF) Forschung und Entwicklung im Verteidigungsbereich. Es gibt also viele Maßnahmen, die darauf abzielen, Engpässe in der Verteidigungsindustrie zu beheben.
Inmitten dieser dynamischen Entwicklungen scheint die SSE gut positioniert, um von den Veränderungen zu profitieren. Der Weg ist steinig, aber die Ambitionen sind groß. Und wer weiß, vielleicht wird die SSE bald zu einem der führenden Anbieter in der europäischen Rüstungsindustrie. Es bleibt spannend!
