Schach und Stärke: Sofiia Hryzlova zwischen Herausforderung und Erfolg in der Schweiz
Schach ist nicht nur ein Spiel aus Holz und Figuren, es ist eine Welt für sich – ein Universum voller Strategien, Emotionen und Geschichten. Eine dieser Geschichten handelt von Sofiia Hryzlova, einer 21-jährigen Schachspielerin aus der Ukraine, die sich in der Schweiz einen Namen gemacht hat. Mit nur sechs Jahren begann sie in Odessa, die Züge auf dem Schachbrett zu meistern. Heute lebt sie in Bern, ist Teil der Schweizer Nationalmannschaft und hat gerade erst die Schweizer Schach-Einzelmeisterschaft der Frauen gewonnen – mit beeindruckenden sechs Punkten aus sieben Partien. Ein bemerkenswerter Erfolg, den sie bereits vor drei Jahren errungen hatte.
Doch der Weg dorthin war alles andere als einfach. Als der Krieg in der Ukraine im Februar 2022 ausbrach, floh Sofiia mit ihrer Mutter ins Tessin, während ihr Vater und ihre Großeltern zurückbleiben mussten. Der Neuanfang in der Schweiz stellte sich als herausfordernd heraus. Die Sprache war eine Barriere, und in ihrer Klasse war sie die einzige Ukrainerin. Aber wie es oft so ist, fand sie ihren Weg – lernte Italienisch und knüpfte Kontakte in der Gemeinde Tenero. Dort entdeckte sie auch ihre Leidenschaft für Schach in einem lokalen Verein, was schließlich zur Qualifikation für das Nationalteam führte.
Ein neues Zuhause in Bern
Aktuell lebt Sofiia in einer Wohngemeinschaft in Bern, wo sie ein Praktikum beim Schweizerischen Schachbund absolviert. Die Stadt hat ihren Reiz, und sie fühlt sich dort wohler als im ruhigeren Tenero. „Bern ist lebendiger“, sagt sie und strahlt dabei eine Zuversicht aus, die ansteckend ist. Obwohl sie keine Sprachkurse besucht hat, spricht sie bereits Hochdeutsch – ein Beweis für ihren unermüdlichen Willen, sich anzupassen und zu integrieren.
Die Unsicherheit über eine Rückkehr in die Ukraine schwingt jedoch mit. Die Lebensbedingungen dort sind schwierig, und die Gedanken an die Familie, die zurückgeblieben ist, belasten sie. Schach bietet ihr eine Flucht aus der Realität, eine Möglichkeit, nicht an die Vergangenheit zu denken und sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Es ist nicht nur ein Spiel für sie – es ist eine Chance, die sie nutzen möchte. Als professionelle Schachspielerin verdient man nicht viel, daher hat Sofiia auch große Pläne für die Zukunft: Neben einem Bürojob möchte sie studieren.
Engagement gegen Rassismus
<pIm März 2026 wird die Berner Aktionswoche gegen Rassismus stattfinden, und Sofiia wird eine zentrale Rolle dabei spielen. Der Schachklub Bern, in dem sie aktiv ist, beteiligt sich an dieser wichtigen Veranstaltung. Am 21. März wird im SKB-Lokal ein Workshop zu Rassismus angeboten, der den Austausch über Erfahrungen und Vorurteile fördern soll. Sofiia wird dabei eine Simultanvorstellung geben – eine Gelegenheit für viele, die Schachspielerin hautnah zu erleben und gleichzeitig über gesellschaftliche Themen nachzudenken. Der Präsident des Schachklubs, Nguyen Ly, hebt hervor, dass das Ziel des Workshops das Verständnis von Rassismus und die Entwicklung aktiver Handlungsoptionen ist.
Integration durch Sport
In einer Zeit, in der Integration wichtiger denn je ist, kommt auch das Programm SPORTEGRATION ins Spiel. Es bietet Geflüchteten und Einheimischen die Möglichkeit, durch gemeinsames Sporttreiben neue Kontakte zu knüpfen und Freundschaften zu schließen. Die Idee dahinter ist einfach, aber wirkungsvoll: Sport bringt Menschen zusammen. Von Yoga über Fußball bis hin zu Schach – die Auswahl ist groß, und jeder kann etwas für sich finden. Besonders schön ist, dass Geflüchtete kostenlos teilnehmen können, während Einheimische einen symbolischen Betrag spenden. Das fördert nicht nur die Bewegung, sondern auch ein Gefühl der Zugehörigkeit und des Austauschs.
So findet sich Sofiia in einer Gemeinschaft wieder, die sich gegenseitig unterstützt und inspiriert. Mit jedem Schachzug, den sie macht, und jedem Schritt, den sie in ihrem neuen Leben geht, zeigt sie, dass es nie zu spät ist, die eigene Geschichte neu zu schreiben. Und wer weiß, vielleicht wird sie eines Tages als eine der besten Schachspielerinnen der Schweiz in die Geschichte eingehen – nicht nur für ihre Erfolge, sondern auch für ihr Engagement für eine bessere, inklusive Gesellschaft.
