Die Landwirtschaft in der Schweiz steht vor enormen Herausforderungen. Täglich verschwinden Bauernhöfe, und die Neugründung oder Übernahme wird für viele Interessierte zur unüberwindbaren Hürde. Vincent Herzog, ein 41-jähriger Neo-Bauer aus dem Kanton Waadt, kann ein Lied davon singen. Zwischen Oktober und Dezember 2025 hat er rund 15 Höfe besichtigt und etwa 30 Eigentümer kontaktiert, doch der Erfolg blieb aus. Hohe Übernahmepreise, ungünstige Lagen und unterschiedliche Meinungen zur Bewirtschaftung stehen oft im Weg. Das ist nicht nur frustrierend, sondern auch ein Zeichen dafür, dass viele potenzielle Landwirte sich in einem wachsenden Dilemma befinden.

Neo-Bauern sind eine neue Generation, die sich leidenschaftlich für die Landwirtschaft interessiert. An landwirtschaftlichen Schulen im Kanton Waadt machen sie bereits 20-30% der Lernenden aus. Am Kompetenzzentrum Grangeneuve im Kanton Freiburg lag der Anteil im Jahr 2022 bei etwa 15%. Besonders beeindruckend ist der Anteil an der Landwirtschaftsschule Châteauneuf im Wallis: Hier kommen rund 50% der Studierenden nicht aus bäuerlichen Familien, bei den Gemüsegärtnern sind es sogar 90%! Das zeigt, dass frischer Wind in die Landwirtschaft weht, auch wenn die Hindernisse hoch sind.

Die Hürden der Hofübernahme

Der Verkaufspreis eines Bauernhofs hängt stark vom Käuferprofil ab. Kinder von Landwirten zahlen oft den Ertragswert, während andere Käufer den Verkehrswert, also den Marktpreis, auf den Tisch legen müssen. Dieser Ertragswert wurde 1991 eingeführt, um die Landwirtschaft vor Bodenspekulation zu schützen. Im Kanton Waadt liegt der Verkehrswert bei bebauten Grundstücken zwischen dem 2,5- und 5-Fachen des Ertragswerts. Das macht die Übernahme eines Hofes für viele Neo-Bauern zu einer finanziellen Herausforderung.

Ein weiterer Aspekt, der die Situation kompliziert: Über 50% der Schweizer Landwirte erreichen in den nächsten 15 Jahren das Rentenalter. Nur 44% können auf eine familiäre Nachfolge zählen. Das führt dazu, dass viele Betriebe aufgeteilt werden und das Land an Nachbarn verpachtet wird. Pacht wird für pensionierte Landwirte oft zur Lösung, um das Eigentum zu behalten. Aber auch hier müssen Neo-Bauern investieren – Betriebskapital für Maschinen und Anlagen ist unumgänglich. Samuel De Oliveira, ein junger Gemüsegärtner, fand nach vier Jahren Suche einen Pachtbetrieb und musste dafür zusätzlich 400.000 Franken aufbringen. Ein schmaler Grat zwischen Hoffnung und Herausforderung.

Neue Regelungen und ihre Folgen

Ab 2025 wird zudem die Grundsteuer für Hoferben teurer. Die neue Höfeordnung sieht vor, dass der Hofwert künftig 60% des Grundsteuerwerts beträgt. Das mag auf den ersten Blick wie ein Fortschritt erscheinen, doch die Anpassung könnte viele Hoferben überfordern. Der Gesetzgeber möchte den Hofwert am tatsächlichen Wert orientieren, doch unklar bleibt, wie belastend diese Neuregelung wirklich für die Nachfolger wird. Viele Nachfolgeregelungen könnten teurer werden, besonders aufgrund der stark angestiegenen Grundsteuern. Die Voraussetzungen sind also alles andere als einfach.

Werbung
Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Das Bundesgesetz über die landwirtschaftliche Pacht (LPG) regelt zwar die Verpachtung von landwirtschaftlichen Grundstücken und berücksichtigt die Bedürfnisse einer nachhaltigen Nutzung, doch auch hier gibt es zahlreiche Herausforderungen. Die Kantone sind für den Vollzug des Pachtgesetzes zuständig, und die Vorschriften betreffen Grundstücke ab einer Größe von über 25 Aren. Das macht die Pacht für viele Neo-Bauern, die sich in der Landwirtschaft etablieren möchten, zu einer Notwendigkeit, auch wenn sie oft nicht die Planungssicherheit bietet, die man sich wünschen würde. Ein landwirtschaftlicher Pachtvertrag läuft mindestens neun Jahre – eine lange Zeit in einer sich schnell verändernden Welt.

Die Landwirtschaft in der Schweiz steht an einem Wendepunkt. Es braucht innovative Lösungen und Mut, um diesen Herausforderungen zu begegnen. Vielleicht ist es an der Zeit, die Strukturen zu überdenken und neue Wege zu finden, um die nächste Generation von Landwirten zu unterstützen.