Im Kanton St.Gallen ist ein düsteres Kapitel der Psychiatrie in den Fokus gerückt. Die Regierung bedauert, dass in psychiatrischen Kliniken Leid verursacht wurde. Dies geht aus einer Antwort auf eine Interpellation im Kantonsrat hervor. Die Abgabe von nicht zugelassenen Medikamenten an Patienten ohne deren Einwilligung geschah laut der Regierung „gemäss damaligen Gepflogenheiten“. In den letzten Jahren sind zwei Untersuchungen zu diesem Thema veröffentlicht worden, die im Jahr 2022 erschienen sind. Ein Gutachten kam zu dem Schluss, dass die experimentellen Medikamentenversuche in St.Gallen „eine vergleichsweise geringe Bedeutung“ hatten. Der Vergleich mit dem „Testfall Münsterlingen“ ist jedoch unzulässig, da es an Grössenordnung und Auswirkungen fehlt.

Zwischen 1946 und 1980 fanden in der psychiatrischen Klinik Münsterlingen im Thurgau zahlreiche Tests mit Psychopharmaka statt – und das an teils ahnungslosen Patienten. Historiker der Universität Zürich schätzen, dass über 3000 Personen betroffen gewesen sein könnten. Der Psychiater Roland Kuhn, der als Entdecker des ersten Antidepressivums gilt, führte zwischen 1950 und Mitte der 1970er-Jahre in Münsterlingen klinische Medikamententests an über 1600 Menschen durch, ohne deren Einwilligung. Seine Arbeit geriet später in die Kritik, insbesondere weil er Medikamente unter fragwürdigen Bedingungen testete. Ein Betroffener berichtet von Panikattacken, die er auf die Tests zurückführt.

Entschädigungen und moralische Verantwortung

Der Kanton Thurgau hat mit Entschädigungszahlungen an die Opfer von Medikamententests eine schweizweite Pionierrolle eingenommen. Eine Motion von SP und Grünen im Kantonsparlament hat diesen Prozess angestoßen. Seit Anfang 2025 wurden bereits 53 Opfern jeweils 25.000 Franken zugesprochen, was insgesamt 1,33 Millionen Franken ausmacht. Interessanterweise beteiligt sich der Basler Pharmakonzern Novartis mit bis zu 4 Millionen Franken an den Solidaritätsbeiträgen. Die Pharmaindustrie trägt laut Kanton eine gewisse moralische Mitverantwortung für die Geschehnisse.

Eine Anlaufstelle für betroffene Personen wurde 2022 in St.Gallen eingerichtet, blieb jedoch ungenutzt. Es meldeten sich keine Betroffenen mit Beratungsbedarf, weshalb die Finanzierung dieser Anlaufstelle Ende 2023 eingestellt wird. Das ist schon etwas traurig, oder? Da versucht man, Hilfe anzubieten, und es gibt keinen, der sich meldet. Die Angehörigen von Roland Kuhn haben inzwischen eine Menge Akten und Dokumente an den Kanton Thurgau übergeben, um die Vorfälle aufzuarbeiten. Staatsarchivar André Salathé beschreibt die Unterlagen als unordentlich, was die Sortierung zur Herausforderung macht.

Ethische Richtlinien im Wandel der Zeit

Die Geschehnisse in St.Gallen und Münsterlingen werfen auch ein Licht auf die Entwicklung ethischer Standards in der medizinischen Forschung. Die Deklaration von Helsinki, die 1964 vom Weltärztebund verabschiedet wurde, formuliert grundlegende ethische Prinzipien für die Forschung am Menschen. Diese Prinzipien sichern, dass das Wohlergehen der Patienten Vorrang vor den Interessen der Forschung hat. Die Teilnahme an klinischen Studien ist seitdem nur mit der Einwilligung der betroffenen Personen möglich und muss vor Beginn von Ethikkommissionen geprüft werden.

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In der Schweiz sind seit 2002 Studien mit Heilmitteln ohne Patienteninformation verboten, was einen großen Fortschritt darstellt. Doch die Vorfälle unter Kuhn zeigen, wie wichtig es ist, diese Standards konsequent einzuhalten. In den letzten Jahren wurde auch klar, dass die Rolle unabhängiger Forschungsethik-Kommissionen von zentraler Bedeutung ist, um unethische Praktiken zu verhindern. Wir leben heute in einer Zeit, in der solche Regeln nicht nur empfehlenswert, sondern notwendig sind, um das Vertrauen in die medizinische Forschung aufrechtzuerhalten.

Die Aufarbeitung dieser dunklen Kapitel ist noch lange nicht abgeschlossen. Der Kanton Thurgau hat bereits 160.000 Franken bereitgestellt, um die Dossiers von Fachleuten auswerten zu lassen. Ziel ist es, die Todesfälle während der Tests und die Beteiligung unwissender Kinder zu klären. Es bleibt zu hoffen, dass die Wahrheit ans Licht kommt und die betroffenen Menschen endlich die Anerkennung und Entschädigung erhalten, die sie verdienen.