Heute ist der 9.05.2026, und während die Sonne über Solothurn aufgeht, blicken wir auf eine Figur zurück, die die Geschichte der Stadt und der Schweiz nachhaltig geprägt hat: Urs Graf. Geboren im Jahr 1485, erlebte der Solothurner Söldner und Künstler die rauen Realitäten des Krieges im 16. Jahrhundert. Urs Graf war nicht nur ein Kämpfer, sondern auch ein Chronist seiner Zeit, der die Schrecken des Schlachtfeldes in seinen Werken festhielt.
Sein Leben nahm eine entscheidende Wendung nach der Schlacht von Marignano im Jahr 1515, wo die Eidgenossen eine bittere Niederlage gegen die Franzosen erlitten. Plötzlich war der Stolz des Kämpfens in den Hintergrund gerückt. Statt heldenhafter Darstellungen begann Graf, die Realität des Krieges zu zeigen: Tote und Verletzte, das Elend und die Trauer der Schlacht. Diese Werke, insbesondere seine Kupferstiche und Glasgemälde, sind ein eindringliches Zeugnis seiner Kriegserlebnisse und des Lagerlebens der Söldner.
Eine andere Perspektive des Krieges
Die Theaterregisseurin Katharina Ramser hat sich diesem vielschichtigen Thema angenommen. In ihrem Theaterprojekt „Urs Graf, zwischen Kunst und Krieg – ein Rechercheprojekt“, das vom 6. bis 30. Mai im Stadttheater Solothurn und später in Biel aufgeführt wird, untersucht sie die möglichen Kriegstraumata, die Graf erlitten haben könnte. Im 16. Jahrhundert gab es noch keine Begriffe wie posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), aber die Folgen des Krieges waren damals wie heute spürbar und real. Es ist spannend zu sehen, wie Graf, der auch wegen Gewalttaten gegen seine Frau angeklagt wurde, in einem Kontext von persönlichem und kollektivem Trauma steht.
Die Inszenierung beleuchtet auch das Leben der Trosserinnen, die mit den Söldnern in die Schlachten zogen. Diese Frauen, oft im Schatten der großen Kämpfe, hatten ihre eigenen Geschichten zu erzählen – Geschichten von Verlust, Hoffnung und Überlebenswillen. Die Verbindung zwischen Kunst und Krieg wird durch Texte zur Schlacht von Marignano und modernen Kriegserlebnissen verstärkt und bietet den Zuschauern einen tiefen Einblick in die Psyche der Krieger und die ihrer Frauen.
Ein Erbe der Kämpfe
Graf wurde in Solothurn als Sohn eines Goldschmieds geboren und trat in die Fußstapfen seines Vaters, bevor er als Reisläufer in die Welt zog. Seine künstlerische Ader half ihm, die Grauen des Krieges festzuhalten und sie für die Nachwelt sichtbar zu machen. Seine Werke, unter anderem ein bekanntes Bild der Schlacht von Marignano, dienten später als Vorlage für Ferdinand Hodlers Interpretation der gleichen Schlacht. Solothurn hat also nicht nur einen talentierten Söldner hervorgebracht, sondern auch einen bedeutenden Künstler, dessen Arbeiten uns bis heute berühren.
Die Auseinandersetzung mit Urs Graf und seinem Erbe öffnet einen Raum für Dialog und Reflexion über Krieg, Kunst und die Menschlichkeit inmitten des Grauens. Die Frage, wie wir heute mit den Traumata von gestern umgehen, ist aktueller denn je. Die Verbindung von Kunst und Krieg in Graf’s Werken und dem bevorstehenden Theaterstück bietet eine wertvolle Gelegenheit, diese Themen zu erkunden und das Erbe von Urs Graf in einem neuen Licht zu sehen.