Im Jura, wo die Wiesen blühen und die Berge majestätisch über die Landschaft wachen, hat sich eine der dunkelsten Geschichten der Schweizer Geschichte entfaltet. Hunderte Kinder, die den jenischen Eltern entrissen wurden – die Erzählungen von Lügen, Tränen und unerträglichem Schmerz, die bis heute nachhallen. Vor einem Jahr erkannte der Bundesrat diese unvorstellbaren Gräueltaten als Verbrechen gegen die Menschlichkeit an, doch die Aufarbeitung bleibt stagnierend. Es ist, als ob die Zeit stillsteht, während Historiker und Forscher verzweifelt um Aktenzugang und politische Unterstützung kämpfen.
Besonders bedrückend ist das Schicksal der Frauen im Heim „La Kinderfabrik“. Hier wurden ledige Mütter systematisch von ihren Kindern getrennt, um ihre Herkunft auszulöschen. Diese Frauen, oft von Familie, Pfarrern oder Behörden gedrängt, mussten ihre Kinder im hauseigenen Gebärsaal zur Welt bringen und wurden danach zur Adoption gezwungen. Nach Monaten voller Entbehrung kehrten sie in ihre Dörfer zurück – mit einem Geheimnis, das schwerer wog als ein Berg. Im Heim, das bis in die späten 1970er-Jahre aktiv war, erlebten sie nicht nur den Verlust ihrer Kinder, sondern auch die brutale Realität eines Systems, das sie als minderwertig stigmatisierte.
Ein dunkles Erbe
Die „Aktion Kinder der Landstrasse“, die vor rund 100 Jahren von der Stiftung Pro Juventute ins Leben gerufen wurde, war ein Versuch, die kulturelle Identität der Jenischen und Sinti zu vernichten. Über 600 Kinder wurden unter dem Vorwand der Kindesfürsorge von ihren Familien getrennt und in Heime wie das „La Kinderfabrik“ gebracht. Uschi Waser, selbst eine Betroffene, setzte sich unermüdlich für die Aufklärung dieser Gräueltaten ein. In ihrer Biografie „Reden, um nicht zu ersticken“ schildert sie, wie sie in den ersten 13 Jahren ihres Lebens an 26 verschiedenen Orten platziert wurde und dabei schwere Gewalt erlebte. Ein Schicksal, das viele andere Jenische und Sinti teilten.
Der Bundesrat hat mittlerweile eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die sich mit der Aufarbeitung dieser Geschehnisse befassen soll. Unter dem „Joinet-Prinzip“ – das auf den Säulen Wahrheit, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und Garantie der Nichtwiederholung basiert – sollen konkrete Schritte unternommen werden, um diesen historischen Unrecht zu begegnen. „Es ist höchste Zeit, dass die Schweiz auch im eigenen Land nach diesem Prinzip handelt“, betont Waser. Doch es bleibt abzuwarten, ob und wie schnell Fortschritte erzielt werden können.
Ein Schritt in die richtige Richtung?
Am ersten Tag der Sondersession plant der Nationalrat, die Verfolgung der Jenischen und Sinti als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu benennen, ein Schritt, der sowohl Befürworter als auch Skeptiker anzieht. Ueli Schmezer, ein Mitglied der Rechtskommission, hebt die systematische Verfolgung hervor, die bis in die 1970er Jahre andauerte. Die Radgenossenschaft der Landstrasse, die Dachorganisation der Jenischen und Sinti in der Schweiz, fordert eine Anerkennung des Verbrechens als „kulturellen Genozid“, was in den offiziellen Gutachten bisher nicht berücksichtigt wurde. Ein Bericht des Eidgenössischen Departements des Innern wird im Sommer erwartet und könnte entscheidend für die künftigen Maßnahmen sein.
Wenn wir durch die Straßen von Basel schlendern oder die Schönheit des Juras genießen, sollten wir uns auch an die Geschichten erinnern, die in den Schatten liegen. Die Herausforderungen der Jenischen und Sinti in der Schweiz sind noch lange nicht überwunden. Der Zugang zu Durchgangsplätzen, die gesellschaftliche Anerkennung und die Aufarbeitung ihrer Geschichte – all das bleibt ein drängendes Thema, das nicht in Vergessenheit geraten darf.