Die Anwesenheit organisierter Kriminalität im Misox hat die Behörden in Graubünden zu dringenden Maßnahmen gezwungen. Vor allem die Festnahme von vier Personen, die legal in Roveredo angemeldet waren, hat die Gemüter erhitzt. Die Europol-Razzia, die Ende Februar stattfand, führte zur Festnahme von sieben Mafiosi in Frankreich und drei in Italien, darunter auch vier mit Wohnsitz in der beschaulichen Gemeinde Roveredo. Ein besonders aufsehenerregender Fall ist der eines 52-jährigen italienischen Staatsbürgers, der eigentlich eine B-Bewilligung im Kanton Tessin beantragt hatte, jedoch aufgrund seiner Vorstrafen abgelehnt wurde. Trotzdem erhielt er eine Aufenthaltsbewilligung in Graubünden – ein Umstand, der die Bevölkerung und die Politik der Region in Aufruhr versetzte.
Die Kritik an der Kantonsregierung war laut und deutlich. Viele fühlen sich über das lasche Verhalten der Behörden im Umgang mit solchen heiklen Themen empört. Peter Peyer, der Bündner Justizdirektor, stellte nun Maßnahmen vor, die im Vergleich zu den rigorosen Vorgehensweisen des Tessins moderater ausfallen. Künftig müssen Antragsteller für eine Aufenthaltsbewilligung B in einem zusätzlichen Formularfeld angeben, ob sie Vorstrafen haben – eine Art Selbstdeklaration, da die bilateralen Verträge es den Kantonen nicht erlauben, von EU- und EFTA-Bürgern einen Strafregisterauszug zu verlangen. Eine interessante, wenn auch nicht unumstrittene Regelung.
Die Schattenseiten der Kriminalität
In den letzten Jahren hat die organisierte Kriminalität in Europa an Komplexität zugenommen. Das Bundeslagebild zur Organisierten Kriminalität für 2024 zeigt, dass der Gesamtschaden durch kriminelle Gruppierungen bei 1,60 Milliarden Euro liegt – ein Unterschied zu den vorherigen Schätzungen, die mit 2,64 Milliarden Euro weitaus höher ausfielen. Besonders bemerkenswert ist der Anteil des Cybercrime, der nun rund 50 % des Gesamtschadens ausmacht. Bei 282 Gewaltstraftaten, die von organisierten Gruppen begangen wurden, sind schwere Körperverletzungen, Entführungen und Mordversuche keine Seltenheit. Der illegale Rauschgifthandel bleibt dabei ein zentraler Tätigkeitsbereich, mit 259 Verfahren allein in diesem Bereich.
Ein weiteres, besorgniserregendes Phänomen ist die Rekrutierung von Minderjährigen über soziale Medien und Gaming-Plattformen. Es ist beängstigend zu sehen, wie skrupellose Täter auch die jüngste Generation ins Visier nehmen. Die Zahl der registrierten Tatverdächtigen ist zwar um 4,3 % gesunken, doch die Methoden, die diese Gruppen nutzen, werden immer raffinierter. Die Verwendung verschlüsselter Kommunikationsdienste ist in 142 Verfahren nachgewiesen, und der Trend zu „Crime as a Service“ nimmt zu – ein erschreckendes Zeichen für die Professionalisierung der Kriminalität.
Koordinierte Maßnahmen
Im Hinblick auf die aktuelle Situation haben die Bündner Behörden bereits erste Schritte unternommen, um den vier Mafiosi aus Roveredo die B-Bewilligung zu entziehen. Ein runder Tisch, der Ende Mai in Roveredo stattfinden soll, wird dazu dienen, die Bekämpfung der organisierten Kriminalität zu koordinieren. Zudem plant Peyer ein separates Treffen mit der Bürgergemeinde Roveredo, die aufgrund mangelhafter Zusammenarbeit bereits mit einem „Bummelstreik“ gedroht hat. Die Bürger sind verunsichert und verlangen mehr Transparenz und ein strikteres Vorgehen gegen die Kriminalität.
In der Schweiz gibt es jedoch keine einheitliche Definition für den Begriff „Organisierte Kriminalität“. Während Länder wie Deutschland klare rechtliche Rahmenbedingungen haben, bleibt die juristische Einordnung in der Schweiz schwammig. In der Nationalen Strategie zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität wird dieser Begriff als Oberbegriff für ein kriminologisches Phänomen verwendet, das verschiedene Delikte umfasst. Was bleibt, ist die Herausforderung für die Behörden, diese komplexen Strukturen zu durchdringen und wirksame Maßnahmen zu ergreifen, um die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten.