Der Kanton Graubünden ist ein Paradebeispiel für eine innovative und umweltbewusste Verkehrsstrategie. Autofreie Sonntage, die bereits an fünf Passstrassen für fünf Tage umgesetzt werden, sollen bald auch in weiteren Teilen der Schweiz Einzug halten. Martine Docourt, die SP-Nationalrätin aus Neuenburg, hat eine Motion eingereicht, um gesetzliche Grundlagen für solche autofreien Tage zu schaffen. Ihr Ziel ist es, den Kantonen zu ermöglichen, Strassen an bestimmten Tagen für Velofahrer, Fussgänger, Inlineskater und Wanderer zu reservieren. Docourt hebt die Bedeutung einer Mobilität ohne fossile Brennstoffe hervor, besonders im Kontext des Klimawandels.
In Graubünden sind bereits fünf Pässe – Flüela, Lukmanier, Splügen, Stilfserjoch/Umbrail und Albula – an einem Tag pro Woche für Autos und Motorräder gesperrt. Diese initiativen wurden von Pro Velo Graubünden in Zusammenarbeit mit Tourismusorganisationen unter dem Namen «Freipass Graubünden» ins Leben gerufen. Im Jahr 2022 profitierten bereits 3000 Personen vom Lukmanier und 7000 vom Splügenpass an diesen autofreien Tagen. Auch der Klausenpass bleibt am 13. September autofrei, während im Klöntal im Kanton Glarus an drei Sonntagen (28. Juni, 26. Juli, 30. August) ein Fahrverbot für Motorfahrzeuge gilt.
Politische Hürden und historische Rückblicke
Doch die Idee der autofreien Sonntage stößt nicht überall auf Begeisterung. So lehnte das Neuenburger Kantonsparlament im Januar einen Vorschlag für autofreie Sonntage ab. Auch der Bundesrat sieht zahlreiche Hindernisse für die flächendeckende Einführung solcher Tage, unterstützt jedoch regionale Initiativen wie die «Slow-up»-Tage. Interessanterweise wurde bereits 2003 eine Initiative für einen autofreien Sonntag pro Jahreszeit vom Volk abgelehnt. Autofreie Sonntage sind in der Schweiz nicht neu; während der Erdölkrise 1973 fanden drei solcher Sonntage statt und bleiben seither ein kontroverses Thema.
Im grenzüberschreitenden Vergleich zeigt sich, dass der Verkehrssektor in Deutschland 2019 stolze 165 Millionen Tonnen CO2 ausstieß, was nahezu dem Emissionsniveau von 1990 entspricht. Eine Verkehrswende ist unabdingbar, um die Klimaziele zu erreichen. Ziel ist ein Rückgang der Emissionen auf 85 Millionen Tonnen CO2 bis 2030, was eine nahezu Halbierung innerhalb eines Jahrzehnts erfordert. Um dieses Ziel zu erreichen, sind Maßnahmen wie Verkehrsvermeidung, -verlagerung und Effizienzsteigerung notwendig.
Ein Blick in die Zukunft
Die Förderung von nachhaltiger Mobilität erfordert eine tiefgreifende Transformation der Mobilitätsbranche. Elektrofahrzeuge machen zwar fast 30 % der Neuzulassungen aus, doch der Anteil am Gesamtbestand an Pkw bleibt mit 1,3 % verschwindend gering. Um die Verkehrswende erfolgreich umzusetzen, müssen bestehende Gesetze überarbeitet werden, die eine Priorisierung des Radverkehrs verhindern. Hierbei spielt auch die Erhöhung der Zuschüsse für den öffentlichen Nahverkehr eine zentrale Rolle.
Es bleibt abzuwarten, wie sich die Diskussion um autofreie Sonntage weiterentwickeln wird. Die Initiativen in Graubünden könnten jedoch nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Reduktion von Emissionen leisten, sondern auch die Lebensqualität in den betroffenen Regionen steigern. Die Zukunft der Mobilität wird entscheidend davon abhängen, wie schnell und konsequent die notwendigen Schritte zur Förderung einer nachhaltigen Verkehrspolitik umgesetzt werden.