Heute ist der 10.05.2026 und während ich in Genf sitze und über die bewegende Geschichte von Marcel nachdenke, wird mir klar, wie sehr der individuelle Weg eines Menschen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen reflektiert. Marcel, ein Mann, der mit 20 Jahren in die Schweizer Armee eintrat, um berufliche Schwierigkeiten zu vermeiden, hatte schnell das Gefühl, dass dieser Weg nicht der seine war. Ein junger Elektroniker, der in einer Zeit des Wandels – 1989, dem Jahr, in dem die Berliner Mauer fiel – seine Stimme für den Frieden erhob. Er fand die Vorstellung einer Armee für die Schweiz absurd und wollte stattdessen aktiv zur Förderung von Frieden und nationalem Zusammenhalt beitragen.
Sein Unbehagen wuchs, als er 33 Tage in der Rekrutenschule verbrachte, bis er schließlich den Entschluss fasste zu desertieren. Anstatt sich dem Militär zu fügen, wählte er den Zivildienst, um seinen Überzeugungen treu zu bleiben. Marcel schrieb einen eindrucksvollen Brief an das Militärdepartement, in dem er seine Dienstverweigerung erklärte. Er war bereit, die Konsequenzen zu tragen, bereit, ins Gefängnis zu gehen, um für seine Überzeugungen zu kämpfen.
Ein Weg ins Gefängnis
Marcel wurde zu zehn Monaten Haft verurteilt, von denen er sechs absitzen musste. Ein Freund von ihm bestätigte später, dass er aus Überzeugung handelte und nicht aus Angst vor den Konsequenzen. Das war eine Zeit, in der das öffentliche Bild von Kriegsdienstverweigerern in der Schweiz im Umbruch war. Noch in den 1990er Jahren war es für viele schwierig, eine Dienstverweigerung zu erlangen. Die gesellschaftlichen Strömungen begannen jedoch, sich zu verändern. Während er im Gefängnis saß, stimmte sein Vater für die Volksinitiative „Für eine Schweiz ohne Armee“. Eine Umfrage ergab, dass 35,6 Prozent der Wähler für diese Initiative waren, was für Marcel bedeutend war. Das war der Anfang einer neuen Ära.
Die öffentliche Meinung über Militärdienstverweigerer wandelte sich langsam. 1992 wurde die Einführung eines Zivildienstes für Gewissensverweigerer mit 82,5 Prozent Zustimmung angenommen. Es war ein Zeichen für die sich verändernde Gesellschaft – eine Gesellschaft, die bereit war, die Stimme derjenigen zu hören, die für Frieden und gegen Krieg plädierten. Und während er dort in den kühlen Zellen saß, konnte Marcel spüren, dass er Teil von etwas Größerem war. Die Diskussionen mit anderen Gefangenen halfen ihm, seine Gedanken zu klären. Er lernte, dass es möglich war, neutral zu bleiben und dennoch seine Überzeugungen zu vertreten.
Der Weg zurück ins zivile Leben
Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis hatte Marcel jedoch Schwierigkeiten, einen Job zu finden. Die Stempel auf seinem Lebenslauf – die Verweigerung des Militärdienstes und die Gefängnisstrafe – machten es ihm nicht einfach, Fuß zu fassen. Selbst bei einem Unternehmen, bei dem er im Eintrittswettbewerb den ersten Platz belegt hatte, wurde er abgelehnt. Die Vorurteile gegen ehemalige Militärdienstverweigerer waren tief verwurzelt. Aber trotz all dieser Hürden, schaut Marcel nicht mit Bedauern auf seinen Weg zurück. Er hätte lediglich die Zeit im Gefängnis anders nutzen wollen, um vielleicht noch mehr Menschen zu erreichen.
Marcel ist ein Beispiel dafür, wie persönliche Überzeugungen und gesellschaftliche Veränderungen Hand in Hand gehen können. Er hat den Mut gehabt, für seine Werte einzustehen, auch wenn der Preis hoch war. Seine Geschichte ist nicht nur die eines Einzelnen, sondern spiegelt die Herausforderungen und Wandlungen einer ganzen Gesellschaft wider. Und genau das macht sie so wertvoll.