Am 5. und 6. Juni 2026 wird das Kino REX in Bern zu einem Schmelztiegel der Fankultur. Das «Match Cut Fussball Film Fest» feiert seine neunte Ausgabe und lädt alle Fußballbegeisterten und Kulturinteressierten ein, tief in die Welt der Fans einzutauchen. Vier Filme, die Geschichten von Fußballfans erzählen, stehen auf dem Programm, und das nicht ohne Grund. Die Veranstaltung versteht sich als Plattform, um gesellschaftliche Debatten über das, was Fußball für uns bedeutet, zu führen.
Mitorganisator Res Hofer betont, dass das Festival nicht als Pionier auftritt, sondern sich eher als Nachahmer anderer Festivals aus Berlin, Basel und St. Gallen sieht. Das ist durchaus sympathisch, denn auch in der Schweiz gibt es eine lebendige Fankultur, die es wert ist, gefeiert zu werden. Es ist das einzige Fußballfilmfestival dieser Art im Land – eine Seltenheit, die man sich nicht entgehen lassen sollte.
Filme und Diskussionen am Freitagabend
Der Freitagabend wird gleich mit zwei spannenden Kurzfilmen eingeläutet. “Kutte”, unter der Regie von Sylvie Hohlbaum, erzählt von der Suche nach dem Besitzer einer verlorenen Raubkutte aus Darmstadt – ein Symbol für die tiefe Verbundenheit und den Kult, der um Fanwesten entsteht. Danach folgt “360 Pieces”, ein Film, der beim 11mm Fußballfilmfestival in Berlin mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde. Hier dreht sich alles um ein mysteriöses Fußballpuzzle, das die Zuschauer zum Nachdenken anregen wird.
Nach den Filmen wird es eine Podiumsdiskussion geben, in der über die Fankultur früher und heute gesprochen wird. Bei einer Wurst und einem Bier können die Besucher ihre Gedanken austauschen und sich über die Veränderungen im Fußball unterhalten. Diese gesellige Atmosphäre fördert den Austausch zwischen den Menschen und zeigt, dass Fußball weit mehr ist als nur ein Spiel.
Ein bewegendes Wochenende
Der Samstag bringt mit “Wochenendrebellen” einen Spielfilm, der die berührende Geschichte eines autistischen Jungen und seines Vaters erzählt, die sich auf die Suche nach ihrem Lieblingsverein machen. Es wird auch ein Gespräch über Autismus mit Ella Jaun geben, was dem Festival eine weitere Dimension verleiht. Den Abschluss bildet der Film “Offside” von Jafar Panahi, der sich mit den Versuchen junger Frauen beschäftigt, ins Azadi-Stadion zu gelangen, um ihre Nationalmannschaft zu unterstützen. Ein echtes Highlight, das die Herausforderungen und das Streben nach Freiheit aufzeigt.
Das Festival richtet sich nicht nur an eingefleischte Fußballfans. Auch Interessierte an gesellschaftlich relevanten Themen kommen hier voll auf ihre Kosten. Die Veranstalter – das Fussballokal Halbzeit, Radio Gelb-Schwarz und der Blog «Zum Runden Leder» – setzen auf den Austausch zwischen verschiedenen kulturellen Strömungen und die kritische Auseinandersetzung mit problematischen Entwicklungen im Fußball und der Gesellschaft. Das Fussballlokal Halbzeit überträgt die WM bei Trump übrigens nicht aus einem Boykott, sondern schlicht aus Desinteresse. Das spricht Bände über die Haltung, die hier vertreten wird.
Fußball als kulturelles Phänomen
Fußball ist mehr als nur ein Spiel. Es ist ein Massenpublikumssport mit einer langen Tradition, die weit über die Regelvereinheitlichung von 1863 hinausgeht. Menschen aller sozialen Schichten finden im Fußball eine gemeinsame Basis. Diese sportlichen Ereignisse sind nicht nur Spieltage, sondern auch soziale und kulturelle Ereignisse, die das Leben der Menschen prägen. Der Fußball dient als Raum für Sozialisation, Identitätssuche und sogar für die Demokratisierung. Albert Camus beschrieb Fußball einmal als Lernzentrum für Moral und soziale Interaktion – und er hatte recht.
Doch nicht alles ist eitel Sonnenschein. Die Kommerzialisierung des Fußballs hat die Identifikation der Fans mit ihren Vereinen erschwert, und auch die Gewalt im Fußball hat historische Wurzeln, die tief in der Fankultur verwurzelt sind. Hooliganismus und Gewalt sind Teil der Erzählung über Fankulturen, auch wenn die tatsächliche Beteiligung an Gewalt oft viel geringer ist, als man denkt. Ultras haben sich als bedeutende Fankultur entwickelt, die sich gegen diese Kommerzialisierung wehren und für soziale Themen stark machen. Sie sind oft heterogene Gruppen, die sowohl Unterstützung bieten als auch kritisch hinterfragen.
Vor allem für Frauen ist es in diesen Kulturen oft schwer, sich zu etablieren. Dennoch kämpfen sie zunehmend für ihre Sichtbarkeit und Rechte. Das Festival bietet also nicht nur Filme, sondern auch einen Raum für Diskussionen über diese wichtigen Themen. Wer also am 5. und 6. Juni in Bern ist, sollte sich dieses Ereignis auf keinen Fall entgehen lassen – es könnte der Beginn einer neuen Perspektive auf das schöne Spiel sein.