Die Stadt Bern, bekannt für ihre historischen Sehenswürdigkeiten und die entspannte Atmosphäre, hat ein Geheimnis, das für viele überraschend sein könnte. Pflanzenwissenschaftler der Universität Bern, angeführt von Willy Tinner, haben durch Pollenanalysen in Seesedimenten herausgefunden, dass Bern und die umliegende Kulturlandschaft zwei bis drei Jahrhunderte älter sind, als man bisher angenommen hat. Wer hätte gedacht, dass die Gründung der Stadt, die traditionell auf das Jahr 1191 datiert wird, vielleicht nur ein Mythos ist? Tinner selbst beschreibt diese Annahme als eine eher romantische Vorstellung, die nicht ganz der Realität entspricht.

Mit Unterstützung des Berner Kantonsarchäologen Adriano Boschetti arbeiten Tinner und sein Team daran, zeitliche Lücken in der Geschichte zu schließen. Sie verwenden dafür Pollenanalysen, die es ermöglichen, Informationen über die historische Vegetation und Landwirtschaft zu gewinnen. Pollen, die männlichen Keimzellen von Pflanzen, lagern sich über Jahrtausende im Seeschlamm ab. Durch das Bohren in den Schlamm und die Analyse von Bohrkernen mit einem Durchmesser von etwa neun Zentimetern können die Wissenschaftler die vergangenen Landschaften unter 400-facher Vergrößerung rekonstruieren. Es ist wirklich beeindruckend, wie präzise diese Analysen sind: Sie liefern Daten über Waldflächen, Getreideanbau und Tierhaltung mit einer Genauigkeit von bis zu zehn Jahren über 7000 Jahre zurück.

Ein Blick in die Vergangenheit

Ein besonders aufschlussreiches Ergebnis dieser Forschung ist die Erkenntnis, dass bereits um 3800 v. Chr., zur Zeit der Pfahlbauer, der Wald um den Moossee stark zurückging und mehr Felder angelegt wurden. Und das ist noch nicht alles: Um 2700 v. Chr. entdeckten die Forscher ein ähnliches Signal, das mit archäologischen Funden von Pfählen übereinstimmt. Diese Erkenntnisse zeigen, dass die wirtschaftliche Prosperität der Region um Bern bereits lange vor der angeblichen Stadtgründung im Jahr 1191 begann.

Doch nicht nur für die Geschichte von Bern sind diese Pollenanalysen von Bedeutung. Die Pollenkunde, auch Palynologie genannt, untersucht die Vegetationsgeschichte der Schweiz und hat vielfältige Anwendungsmöglichkeiten. So hilft sie nicht nur bei der Aufdeckung von Honigfälschungen, sondern überwacht auch Umweltveränderungen. Vor mehr als 100 Jahren erkannten Forscher bereits, dass Pollen zur Rekonstruktion der Vergangenheit beitragen können. Gehölze, Gräser und Kräuter produzieren große Mengen Blütenpollen, die in Sedimentarchiven von Seen und Mooren abgelagert werden – und das über Jahrtausende hinweg!

Die Bedeutung der Pollenkunde

Die Formenvielfalt der Pollenkörner ermöglicht eine präzise Bestimmung und Zuordnung zu bestimmten Pflanzenarten. So erlaubt die Analyse des Pollenspektrums Rückschlüsse auf frühere Vegetation und Landschaften. Zahlreiche Standorte in der Schweiz wurden mit paläoökologischen Methoden untersucht, was einen umfassenden Überblick über den Vegetationswandel seit der letzten Eiszeit bietet. Diese Erkenntnisse sind nicht nur historisch interessant, sondern auch im Hinblick auf den Klimawandel von Bedeutung. Die Vegetation reagiert ohne Verzögerung auf selbst geringfügige Klimaänderungen. Ein Anstieg der Waldgrenze bei nur 1–2 °C wärmeren Sommertemperaturen ist da nur ein Beispiel.

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Und nicht zu vergessen: Die Melissopalynologie, eine spezielle Form der Honiganalyse, liefert wertvolle Informationen über die Herkunft, Qualität und Authentizität von Honig. Das ist nicht nur für Imker von Interesse, sondern auch für alle, die Wert auf erstklassige Produkte legen. Pollen sind also nicht nur Zeitzeugen, sondern auch Schlüssel zur Entschlüsselung unserer Umweltgeschichte. Die Erkenntnisse aus den Sedimenten sind wie kleine Fenster in die Vergangenheit, durch die wir einen Blick auf die Entwicklung unserer Landschaften und letztlich auch auf die Entwicklung der Menschheit werfen können.