In den letzten Jahren haben sich immer mehr US-Bürger, die in Europa leben, für eine freiwillige Ausbürgerung entschieden. Besonders bemerkenswert ist dieser Trend in Bern, wo jährlich mehrere Tausend Amerikaner ihre Staatsbürgerschaft abgeben. Was treibt diese Menschen zu solch drastischen Schritten? Die Gründe sind vielfältig und reichen von finanziellen Aspekten bis hin zu einem tiefen Unbehagen mit der politischen Situation in den USA.
Die Wartezeiten für den Ausbürgerungsprozess können über ein Jahr betragen – ein ganz schön langer Zeitraum, um sich mit einer solch grundlegenden Entscheidung auseinanderzusetzen. Und die Kosten? Die liegen trotz gesenkter Gebühren zwischen 7000 und 10’000 Dollar. Das schließt Anwaltskosten mit ein, und selbst das scheint vielen nicht abzuschrecken. Es ist schon fast ironisch, dass die US-Botschaften in Europa, insbesondere in Bern, überlaufen sind – die Ausländer müssen sich schließlich auf die Suche nach einer Lösung begeben, um ihre Verbindung zur Heimat zu kappen.
Politische Polarisierung als treibende Kraft
Früher waren steuerliche Gründe der Hauptantrieb für die Ausbürgerungen. Doch die Zeiten haben sich geändert. Heute ist es vor allem die politische Polarisierung in den USA, die viele Expatriates dazu bringt, die Segel zu streichen. Umfragen zeigen, dass eine überwältigende Mehrheit der US-Amerikaner – sage und schreibe 83% – der Meinung ist, dass die politische Spaltung in den letzten fünf Jahren zugenommen hat. Mike Johnson, der republikanische Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses, hat in diesem Zusammenhang kürzlich gewarnt, dass die Bezeichnung politischer Gegner als Faschisten und Staatsfeinde gefährliche Konsequenzen mit sich bringen kann.
Ein weiteres Beispiel für diese besorgniserregende Entwicklung ist das Attentat auf den rechten Aktivisten Charlie Kirk. Es verdeutlicht, wie stark die gesellschaftliche Spaltung geworden ist. Laut einer Reuters/Ipsos-Erhebung glauben 71% der Befragten, dass die amerikanische Gesellschaft „kaputt“ ist. Und die Sorgen um mögliche Gewalt, die aus politischen Überzeugungen resultieren, sind bei zwei Dritteln der Bevölkerung präsent. Diese Situation ist für viele Amerikaner, die in Europa leben, ein Grund, ihre Staatsbürgerschaft aufzugeben – die eigene Sicherheit und die der Familie stehen an erster Stelle.
Ein Blick in die Zukunft
Die politische Landschaft in den USA ist geprägt von einer zunehmenden Polarisierung. Trumps Präsidentschaft hat zur Vertiefung dieser Spaltung geführt. Wo frühere Präsidenten wie Barack Obama und George W. Bush versuchten, Brücken zu bauen, hat Trump die Gesellschaft auf das Prinzip der Spaltung ausgerichtet. Die Wählerschaft ist nicht nur politisch, sondern auch identitär getrennt – und das macht die Diskussionen über Kompromisse und Verhandlungen fast unmöglich.
Die Zukunft der demokratischen Institutionen in den USA steht auf der Kippe. Kompromisse, die früher ein essenzieller Bestandteil des politischen Systems waren, scheinen immer seltener zu werden. Die politische Rhetorik ist durch Misstrauen und Respektlosigkeit geprägt, und das macht es umso schwieriger, die verschiedenen Lager zu einen.
In Bern sind die Ausbürgerungen ein direktes Echo dieser Entwicklungen in den USA. Die Menschen, die hierher kommen, bringen ihre Sorgen und Ängste mit, und viele haben das Gefühl, dass es für sie an der Zeit ist, einen Schlussstrich zu ziehen. Die Entscheidung, die eigene Staatsbürgerschaft aufzugeben, ist nie leicht – und doch scheinen die Umstände viele dazu zu drängen, diesen Schritt zu wagen.