In Basel ist derzeit ein Aquarell von Paul Cézanne, das in der Fondation Beyeler ausgestellt ist, in den Mittelpunkt einer hitzigen Debatte geraten. Der Provenienzforscher und Kunstdetektiv Willi Korte erhebt schwere Vorwürfe gegen das renommierte Museum: Das Bild mit dem Titel «La montagne Sainte-Victoire» könnte möglicherweise Flucht- oder Raubkunst sein. Das Aquarell hat eine gut dokumentierte Provenienz bis ins Frühjahr 1939, doch die Unterlagen lassen Raum für Spekulationen. Laut Korte könnte das Werk während der deutschen Besetzung von Paris als Raubgut ins Ausland gelangt sein.

Besonders brisant wird die Situation durch die Tatsache, dass sich das Aquarell derzeit im Privatbesitz in den USA befindet. Der ehemalige Eigentümer, der jüdische Kunstsammler Gustav Schweitzer, hinterlässt eine bewegende Geschichte. Sein Enkel, Peter Schweitzer, äußert sich berührt über das Wiederauftauchen des Bildes und stellt fest, dass die Entdeckung des Aquarells für seine Familie von großer emotionaler Bedeutung ist. Erinnert sei auch an das Jahr 2024, als ein Porträt von Vincent van Gogh, das ebenfalls im Besitz von Gustav Schweitzer war, in der Zürcher Bührle-Sammlung aufgetaucht ist.

Kritik an der Recherche

Korte lässt kein gutes Haar an der Fondation Beyeler. Er kritisiert die unzureichende Recherche zur Herkunft des Aquarells und bezeichnet das Versäumnis als «Versagen, Schlampigkeit, Unfähigkeit». Die Fondation Beyeler verteidigt sich, indem sie erklärt, dass zum Zeitpunkt der Aufnahme des Werkes keine Verdachtsmomente vorlagen. Dennoch bleibt die Frage, wie es zu dieser Situation kommen konnte. Korte hält die Antwort des Museums für unzureichend und verweist auf die Washingtoner Prinzipien, die eine gründliche Provenienzforschung für Kulturgüter aus der NS-Zeit fordern.

Die Ausstellung, die am Pfingstmontag endet, wirft die Frage auf: Was geschieht mit dem Aquarell danach? Es ist unklar, ob das Werk weiterhin in der Schweiz verbleiben kann oder ob es zurück an die Herkunftsorte oder die rechtmäßigen Erben gegeben wird. Dies könnte der erste prominente Fall für die neue nationale Expertenkommission für historisch belastetes Kulturerbe in der Schweiz werden.

Die Rolle der Provenienzforschung

Die Provenienzforschung hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Deutschland hat die Rahmenbedingungen für die Erforschung und Rückgabe von NS-Raubgut seit den Washingtoner Prinzipien und der Gemeinsamen Erklärung verbessert. Die Zahl der Museen, Bibliotheken und Archive, die systematische Provenienzforschung betreiben, ist gestiegen. Ziel dieser Forschung ist es, die Herkunft von Kunstwerken und Kulturgütern zu untersuchen und gerechte sowie faire Lösungen zu finden. Rückgaben, Rückkäufe oder (Dauer-)Leihverträge stehen im Fokus, um NS-Raubgut zu identifizieren und die Rechte der rechtmäßigen Erben zu wahren.

Werbung
Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Bis heute wurden über 38.000 Kunstwerke, Bücher und Archivalien als NS-Raubgut identifiziert und zurückgegeben oder anderen Lösungen zugeführt. Die tatsächliche Zahl der Rückgaben bleibt jedoch ungewiss, da viele Fälle nicht öffentlich bekannt werden. Das Kulturgutschutzgesetz unterstützt die Umsetzung dieser Prinzipien und sorgt dafür, dass die Sorgfaltspflichten beim gewerblichen Inverkehrbringen von möglicherweise NS-verfolgungsbedingt entzogenen Werken eingehalten werden.

Ein historisches Erbe

Die Diskussion um das Aquarell in Basel ist nicht nur ein lokales Phänomen, sondern steht im Kontext einer größeren Bewegung zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Die Bundesregierung und verschiedene Institutionen haben sich verpflichtet, NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter zurückzugeben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Rückerstattungsansprüche gemäß den alliierten Regelungen erfüllt, doch in der DDR war die Wiedergutmachung nur begrenzt umgesetzt worden. In den letzten Jahren haben sich öffentliche Einrichtungen verstärkt bemüht, ihren Verpflichtungen nachzukommen, und die Suche nach NS-Raubgut wird fortgesetzt.

Die anhaltende Debatte in Basel ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie die Aufarbeitung der Geschichte auch heute noch lebendig ist und welche Emotionen sie auslösen kann. Es bleibt abzuwarten, wie es mit dem Aquarell von Cézanne weitergeht und welche Lehren aus diesem Fall gezogen werden können. Die Suche nach Gerechtigkeit und die Bewahrung des kulturellen Erbes sind mehr denn je von Bedeutung.