Basel in Aufruhr: Der Widerstand am Klybeck-Areal eskaliert
In Basel brodelt es. Am Mittwochmorgen um 4 Uhr wurde das besetzte Klybeck-Areal, auch bekannt als «Zack», von der Polizei geräumt. Die Besetzer hatten den Ort vier Wochen lang als Kulturzentrum genutzt, doch die Räumung verlief nicht reibungslos. Zwei Personen verweigerten zunächst den Abstieg und harrten auf dem Dach aus, was die Aktion um mehrere Stunden verzögerte. Die Polizei bot Verpflegung und medizinische Hilfe an, doch die Besetzer lehnten diese Angebote ab – ein Zeichen des Widerstands, der sich nur wenige Stunden später in einer unbewilligten Spontandemo entladen sollte.
Am Abend nach der Räumung versammelten sich etwa 450 Demonstrierende, und die Stimmung war angespannt. Es kam zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Protestierenden und der Polizei. Feuerwerkskörper wurden gezündet, Stühle flogen gegen die Wände von Starbucks, und die Fassaden von Globus und der UBS-Filiale wurden mit Farbbeuteln beworfen. Auch das Basler Rathaus blieb nicht verschont und wurde beschmiert. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Reizgas ein, um die Angriffe abzuwehren. Ein Demonstrant wurde wegen Landfriedensbruchs und Sachbeschädigung festgenommen. Die Bürgerlichen kritisierten die Angriffe auf das Rathaus scharf und bezeichneten sie als Angriff auf die direkte Demokratie.
Die Situation auf dem Klybeck-Areal
Die Besetzer hatten sich vor der Räumung mit klaren Forderungen an die Polizei gewandt. Unter anderem verlangten sie Straffreiheit und keine Kostenübernahme für die Räumung. Doch die Polizei erachtete es als «zu gefährlich», die beiden verbleibenden Besetzer gewaltsam vom Dach zu holen. Die Absperrungen wurden errichtet und Banner vom Zack abgehangen – ein klarer Hinweis darauf, dass der Konflikt längst nicht beigelegt ist.
Demonstrationen sind in der Schweiz, auch wenn sie nicht für politische Unruhen bekannt ist, keineswegs selten. Politikwissenschaftler Marco Giugni beschreibt die Protestkultur hierzulande als friedlicher im Vergleich zu anderen europäischen Ländern. Dennoch hat sich die Frequenz der öffentlichen Kundgebungen in den letzten Jahren erhöht. Die Gründe sind vielfältig: von sozialen Anliegen bis hin zu Umweltfragen. Im März 2024 wurde eine Initiative in Zürich angenommen, die Kosten für nicht bewilligte Demonstrationen auf die Verantwortlichen abwälzt. In Basel, einem Schmelztiegel für verschiedene Meinungen und Kulturen, ist der Druck, sich Gehör zu verschaffen, spürbar.
Ein Blick auf die Geschichte der Proteste
Die Schweiz hat eine lange Geschichte von Protesten, von den gewaltigen Streiks im November 1918 für die 48-Stunden-Woche, bis hin zu den Globus-Unruhen in Zürich 1968, die den Beginn einer systemkritischen Jugendbewegung markierten. Auch die Klimastreiks von 2019 zeigen, dass die Jugend bereit ist, für ihre Überzeugungen auf die Straße zu gehen. Obwohl die jüngsten Ereignisse in Basel einige Fragen aufwerfen, bleibt die politische Kultur der Schweiz eine der demokratischen Teilhabe, die weniger emotionale Ausbrüche provoziert.
Die Versammlungsfreiheit in der Schweiz wird international als gut angesehen, und in einer Rangliste des Instituts V-Dem wird sie nur in vier Ländern besser gewährleistet. Doch die Realität sieht manchmal anders aus. Amnesty International kritisiert die Schwierigkeiten bei der Erlangung von Demo-Bewilligungen und den Einsatz von Gummigeschossen und Tränengas durch die Polizei. Im Jahr 2025 gaben nur 8% der Befragten an, im Jahr zuvor an einer Demonstration teilgenommen zu haben, was zeigt, dass trotz einer lebendigen Protestkultur die Teilnahme oft an Hürden scheitert.
Die Geschehnisse in Basel sind ein starkes Zeichen dafür, dass die Stimmen der Bürger gehört werden wollen. Ob diese Stimmen tatsächlich Gehör finden, bleibt abzuwarten. Eines ist jedoch sicher: Die Auseinandersetzungen rund um das Klybeck-Areal sind symptomatisch für eine Gesellschaft, die sich ihrer Stimme bewusst ist, auch wenn der Weg zur Veränderung steinig ist.
