Opfer oder Täter? Die vertrackte Schuldfrage der Landwirte im PFAS-Skandal
Es ist ein Thema, das die Gemüter erhitzt. Rückstände von PFAS aus Klärschlamm haben schwerwiegende Konsequenzen für die Landwirte in St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden. Die SVP-Parlamentarier Ruedi Thomann hat die betroffenen Bauernfamilien als „Opfer, nicht Täter“ bezeichnet. Da fragt man sich: Wer trägt die Verantwortung? Einmal mehr wird die Schuldfrage aufgeworfen, während die betroffenen Familien um ihre Existenz kämpfen.
Thomann fordert eine Entschuldigung der Regierung für falsche Beratungen zur Verwendung von Klärschlamm als Dünger. Die Argumentation ist komplex. Gesundheitschef Bruno Damann erklärt, dass die Verantwortung vielschichtig sei und dass die Sichtweise, dass die Landwirtschaftsbetriebe die Opfer und die Düngerberatung die Täter seien, zu kurz greife. Dabei ist es interessant zu wissen, dass das Düngen mit Klärschlamm seit 2006 verboten ist, die Verwendung jedoch von den 1970er bis 1990er Jahren stattfand. Viele betroffene Landwirte haben nie mit Klärschlamm gedüngt und erben das Problem von ihren Vorgängern.
Ein Blick in die Vergangenheit
Ein weiterer Aspekt, der in den Gesprächen auftaucht, sind die Erinnerungen von Zeitzeugen. Thomann hat sich mit ihnen unterhalten und fand keine Belege für einen Zwang zur Nutzung von Klärschlamm. In den 1980er und 1990er Jahren wurde Klärschlamm von Fachstellen als sinnvoll dargestellt, was zu einer breiten Akzeptanz führte. 1992 wurde sogar ein „Kantonales Konzept für die Landwirtschaftliche Verwertung von Klärschlamm“ ausgearbeitet. Doch Vertrauen in die Empfehlungen der Berater war oft der Grund für die Zustimmung der Landwirte zur Nutzung des Klärschlamms. Einige äußerten jedoch bereits damals Skepsis wegen der Qualität des Materials und der möglichen Rückstände.
Landwirt Silvan Graf hat sich intensiv mit dem damaligen Kenntnisstand beschäftigt und dabei Warnungen vor Rückständen im Klärschlamm aus den 1970er Jahren gefunden. Graf berichtet von Bedenken bezüglich Chemikalien und Krankheitserregern im Klärschlamm. Aktuelle Tests auf seinem Hof zeigen, dass nur zusätzlich gepachtete Flächen belastet sind. Weitere Abklärungen sind bereits im Gange.
Die regulatorische Landschaft von PFAS
Doch was sind PFAS überhaupt? Diese Per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen gelangen durch Industrie- und Konsumprodukte in das Abwasser. Bei der Abwasserreinigung werden sie nicht vollständig abgebaut, sondern adsorbieren an Klärschlamm oder gelangen in Oberflächengewässer. Kläranlagenabläufe stellen eine Punktquelle für PFAS-Einträge in die aquatische Umwelt dar. Zwischen 2021 und 2022 wurden 36 kommunale Kläranlagen untersucht, und in 30 von 31 Abläufen wurden PFAS nachgewiesen. Vermehrt wurden kürzerkettige Verbindungen nachgewiesen, während langkettige wie PFOA und PFOS weiterhin in vielen Abwasserproben auftauchen – trotz bestehender Regulierungsmaßnahmen.
Die Regulierung von PFAS ist uneinheitlich. Einige Verbindungen sind bereits verboten oder eingeschränkt, während andere unreguliert bleiben. Langkettige Verbindungen wie PFOS, PFOA und PFHxS sind seit 2010, 2020 bzw. 2022 weltweit verboten. Diese Stoffe sind berüchtigt für ihre extreme Langlebigkeit und die weitreichende Verbreitung in der Umwelt. Es wird zunehmend von gesundheitsschädlichen Wirkungen ausgegangen, und die Behörden arbeiten zusammen, um die Nutzung von PFAS in der EU zu beschränken. Ziel ist es, diese Chemikalien nur in Bereichen zu verwenden, wo es keine geeigneten Alternativen gibt oder wo die sozio-ökonomischen Vorteile die Nachteile überwiegen.
Doch wie weit diese Bemühungen tatsächlich reichen, bleibt abzuwarten. Die Komplexität des Themas und die Vielzahl an beteiligten Akteuren machen es schwierig, klare Lösungen zu finden. Die betroffenen Landwirte in St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden stehen vor einer ungewissen Zukunft, in der die Erinnerungen an vergangene Entscheidungen und die Realität der gegenwärtigen Herausforderungen immer wieder miteinander ringen.
