Aarau im Sprachstand-Dilemma: Ein Konflikt zwischen Förderung und Kontrolle
In Aarau wird derzeit ein Thema heiß diskutiert, das nicht nur die Eltern, sondern auch die Politik auf den Plan ruft. Anfang des Jahres hat die Stadt entschieden, nicht an der freiwilligen kantonalen Sprachstandserhebung für Kinder vor dem Kindergarten teilzunehmen. Diese Erhebung, die ab dem Schuljahr 26/27 obligatorisch wird, soll den Sprachstand von Kindern überprüfen, die mit einer anderen Familiensprache als Deutsch aufwachsen. Über die Hälfte der Aargauer Gemeinden haben sich bereits an dieser freiwilligen Erhebung beteiligt. Doch in Aarau sieht man die Sache anders.
Der Stadtrat begründet seinen Verzicht mit der Einschätzung, dass die Erhebung wenig zusätzlichen Nutzen bringt und gleichzeitig einen hohen administrativen Aufwand verursacht. SVP-Einwohnerrat Urs Winzenried stellte eine Anfrage, um die genauen Gründe für diese Entscheidung zu erfahren. Auf der anderen Seite äußerte Mina Najdl, die Leiterin der Sektion Gesellschaft, bereits im Februar Kritik an dem Sprachtest. Sie fürchtet, dass die Erhebung die Mehrsprachigkeit abwertet und einen Eindruck von staatlicher Kontrolle vermittelt – ein Punkt, der in der heutigen, von Vielfalt geprägten Gesellschaft nicht unwichtig ist.
Die Sicht der Stadt
Die Stadt hat in den letzten Jahren bereits Strategien zur Förderung von Kindern und zur Bekämpfung von Bildungsungerechtigkeit entwickelt, was nicht zu unterschätzen ist. Die Erhebung der Deutschkenntnisse bei Dreijährigen wird als wenig aufschlussreich angesehen. Der standardisierte Fragebogen zur Sprachstandserhebung wird kritisiert, weil er zu eng gefasst ist und wichtige alltagsbezogene Sprachkompetenzen nicht ausreichend abbildet. Eltern könnten verunsichert werden, wenn der Eindruck entsteht, ihre Kinder müssten einem einheitlichen Entwicklungsniveau entsprechen. Und das ist nicht alles: Nicht deutschsprachige Kinder könnten als problematische Fälle wahrgenommen werden, was zu einem Generalverdacht gegenüber Familien führen kann.
Ab dem 1. August 2026 wird die Sprachstandserhebung jedoch für alle Eltern in Aargau verpflichtend. Das Land plant, den Gemeinden fachlich und finanziell beim Auf- und Ausbau von Angeboten zur frühen Sprachförderung zur Seite zu stehen. Eltern sind dann verpflichtet, an dieser Erhebung teilzunehmen, die durch einen Fragebogen DaZ-E der Universität Basel durchgeführt wird. Die Ergebnisse sollen dann genutzt werden, um Förderangebote gezielt anzupassen und den Bedarf an weiteren Maßnahmen zu ermitteln.
Frühe Sprachförderung als Schlüssel
Es ist unbestritten, dass gute Sprachfähigkeiten entscheidend für den Schulerfolg sind. Kinder mit einer anderen Familiensprache als Deutsch sollten frühzeitig mit der deutschen Sprache in Kontakt kommen. Pilotprojekte zur „Deutschförderung vor dem Kindergarten“ haben bereits zwischen 2021 und 2024 positive Ergebnisse geliefert. Die Erkenntnisse aus diesen Projekten könnten als Entscheidungsgrundlage für die flächendeckende Einführung der Sprachstandserhebung dienen. Die Evaluationsergebnisse zeigen, dass Kinder, die an diesen Programmen teilnahmen, Fortschritte in ihren Deutschkenntnissen machten. Doch auch nach einem Jahr benötigten viele von ihnen weiterhin Unterstützung im Kindergarten.
Die Pläne des Regierungsrates sind klar: Ab 2027 wird die Sprachstandserhebung verbindlich für alle Gemeinden und Familien sein. Gemeinden werden finanziell entschädigt, und auch die Weiterbildungskosten für Mitarbeitende in Förderinstitutionen sollen vom Kanton übernommen werden. Doch die Frage bleibt – wird das Vertrauen zwischen Familien und der Stadt durch diese verpflichtenden Kontrollen gestärkt oder eher geschwächt? In Aarau jedenfalls bleibt es spannend, wie sich die Diskussion rund um die Sprachstandserhebung entwickeln wird und welche Maßnahmen letztlich ergriffen werden.
