Zürichs grüne Oasen in Gefahr: Ein Aufschrei der Anwohner
Heute ist der 21.07.2026 und in Zürich brodelt es gewaltig. Im Herzen der Stadt, genauer gesagt im Kreis 1, steht ein kleiner Ort im Fokus, der für viele Anwohner:innen mehr ist als nur ein paar Quadratmeter Rasen – die Trittli- und Winkelwiese. Die Stadt plant, diese beiden Flächen in einen öffentlichen Park umzuwandeln. Ein Schritt, der für die Bewohner:innen der Zürcher Altstadt wie ein Schlag ins Gesicht wirkt. Rückzugsorte, die über Jahrzehnte gehegt und gepflegt wurden, stehen auf der Kippe. Jonas Thiel, 78 Jahre alt, ist einer dieser Bewohner, der seit 34 Jahren im Gartenhaus auf der Winkelwiese lebt. Für ihn und seine Nachbarn ist dieser Ort ein Stück Heimat.
Die Stadt Zürich besitzt das Grundstück seit 1975, es gehörte zuvor Maria und Emil Landolt. Interessanterweise haben Thiel und seine Mitbewohner:innen seit 23 Jahren befristete Mietverträge und hatten nie Probleme mit der Nachbarschaft. Doch jetzt, wo die Umgestaltung in den Startlöchern steht, macht sich Unruhe in der WG breit. Einige haben bereits das Handtuch geworfen und sind ausgezogen. „Die Verunsicherung ist groß“, sagt Thiel, und man kann seine Besorgnis förmlich spüren. Die geplanten Arbeiten sollen im Mai 2027 beginnen. Ein Zeitpunkt, der nicht nur für Thiel, sondern für viele alteingesessene Zürcher:innen kommt, als wäre ein wenig von ihrer Lebensqualität auf dem Spiel.
Ein Verlust für die Gemeinschaft
Die Umgestaltung hat auch einen ganz praktischen Hintergrund: Im dicht bebauten Kreis 1 gibt es kaum Grünflächen. Felix Stocker, Präsident des Quartiervereins, äußert Bedenken bezüglich des Verlusts geschützter Grünflächen, die für Familien und Kinder so wichtig sind. Die Trittliwiese ist ein beliebter Ort für Familien mit Kleinkindern, und das bringt auch Sorgen mit sich. Anwohner:innen befürchten, dass die Umwandlung zu mehr Lärm und Abfall führen könnte. Ein Dilemma, das viele Städte heutzutage kennen: Wie schafft man Raum für die Öffentlichkeit, ohne die Bedürfnisse der Anwohner:innen aus den Augen zu verlieren?
Eine Recherche von «Tsüri.ch» und dem «WAV Recherchekollektiv» zeigt, dass 22,6% der Wohnfläche im Kreis 1 im Besitz der Stadt sind, während 44,3% Privatpersonen gehören. Und das sind nicht irgendwelche Privatpersonen – oft sind es wohlhabende Familien und Unternehmer, die hier leben. Über 76’000 Menschen arbeiten täglich im Quartier, während nur etwa 5747 Menschen dort wohnen. Ein klarer Hinweis darauf, dass der Raum für die Gemeinschaft immer knapper wird.
Grünflächen für die Lebensqualität
Öffentliche Räume und Grünflächen sind ein oft unterschätzter Faktor für die Lebensqualität in Städten. Ähnlich wie in Metropolen wie Delhi, Jakarta und New York wird auch in Zürich die Lebensqualität durch Aspekte wie Zugang zu Bildung, intakte Natur und ein funktionierendes soziales Umfeld definiert. Grünflächen bieten mehr als nur einen Platz zum Verweilen; sie sind wichtig für die Erholung, die Luftqualität und sogar die Biodiversität in der Stadt. Als Teil der urbanen Infrastruktur tragen sie zur Verbesserung des Mikroklimas bei und wirken dem Problem der städtischen Hitzeinseln entgegen. Wer könnte da ernsthaft gegen einen kleinen Park in der Stadt sein?
Die Multifunktionalität von Grünflächen wird zunehmend zum Thema in städtischen Flächennutzungsplänen. In Zeiten, in denen der Druck auf städtischen Raum wächst, müssen wir uns fragen, wie wir diesen Raum nutzen wollen. Es geht nicht nur um schöne Parks, sondern auch um die Schaffung von Orten, die für alle da sind. Orte, die nicht nur die Augen erfreuen, sondern auch als Kommunikationsräume für sozialen Austausch dienen. Sind wir bereit, diesen Verlust zu akzeptieren, nur um Platz für mehr Besucher zu schaffen?
