Murgänge im Wallis: Wenn die Natur mit voller Wucht zuschlägt
Das Wallis ist nicht nur für seine atemberaubenden Berge und Weine bekannt, sondern auch für seine Naturgefahren. Eine der gefährlichsten Erscheinungen sind die Murgänge, die durch kräftige Regenfälle ausgelöst werden können. Diese Naturereignisse sind eine Mischung aus Wasser, Schlamm, Sand, Kies, Felsblöcken und Holz, die mit erstaunlicher Geschwindigkeit talwärts strömen. Ein Murgang kann innerhalb von Minuten große Schäden anrichten, indem er Bäche anschwellen lässt und sich in gefährliche Ströme verwandelt. Was viele nicht wissen: Murgangwellen sind nicht einfach nur ein bisschen Wasser und Schlamm – sie entwickeln hohe Stoßkräfte und bewegen sich schneller als das übrige Material!
Geophysiker Christoph Wetter von der WSL hat sich intensiv mit diesen Phänomenen beschäftigt. Er erklärt, dass Murgänge bislang meist nur punktuell gemessen wurden. Ein bahnbrechendes Projekt im Walliser Illgraben hat es nun ermöglicht, einen Murgang erstmals über eine Strecke von zwei Kilometern kontinuierlich zu vermessen. Die neuen Daten bieten wertvolle Einblicke in den Ablauf und die Entwicklung der Murgangwellen. Besonders spannend ist die Erkenntnis, dass die Wellen im Inneren des Schlammstroms entstehen und sich beim Fließen ins Tal vergrößern – Geschwindigkeiten von bis zu 20 km/h wurden dabei gemessen!
Forschung im Illgraben
Der Illgraben gilt als echtes Freiluftlabor für die Untersuchung von Murgängen. Hier treten jährlich mehrere solcher Ereignisse auf. Forscher haben 33 nodale Sensoren entlang des Grabens installiert, um die Erschütterungen im Boden zu messen. Das Besondere? Die Sensoren erfassen verschiedene Erschütterungsmuster, die von den unterschiedlichen Bestandteilen der Geröllflut erzeugt werden. So entsteht ein detailliertes Bild davon, wie Murgangwellen dynamisch wachsen und sich verlagern. Manche Wellen erreichen dabei sogar meterhohe Dimensionen!
Die Messungen haben auch gezeigt, dass große Rinnen mit feinen Sedimenten das größte Erosionspotenzial haben. Das liegt daran, dass feinkörnige Sedimente schneller erodieren. Ein neues Modell, das die festen und flüssigen Bestandteile eines Murgangs getrennt betrachtet, könnte die Planung von Schutzbauten und Gefahrenkarten erheblich verbessern. Die gewonnenen Erkenntnisse aus der Studie sind nicht nur von akademischem Interesse – sie helfen, die Bevölkerung in gefährdeten Gebieten zu schützen.
Die Gefahrenlage in der Schweiz
Das Naturgefahrenportal des Bundes zeigt, dass die Schweiz regelmäßig von Hochwasser, Murgängen, Rutschungen und anderen Naturereignissen betroffen ist. Mit dem Klimawandel wird erwartet, dass diese Ereignisse in Zukunft noch häufiger und intensiver auftreten. Besonders besorgniserregend ist, dass rund 50% der Schweizer Bevölkerung der Gefahr von Überschwemmungen ausgesetzt sind. Die Intensivierung der Raumnutzung in gefährdeten Gebieten erhöht das Schadenspotenzial zusätzlich.
In der Vergangenheit haben Naturereignisse wie Murgänge und Hochwasser jährlich durchschnittliche Schäden von etwa CHF 321 Millionen verursacht. Das sind keine kleinen Beträge! Neun von zehn Schweizer Gemeinden waren bereits von Naturgefahren betroffen. Umso wichtiger ist es, dass Gemeinden und Kantone sich aktiv mit dem Schutz vor solchen Gefahren auseinandersetzen. Permanente Monitoring-Systeme helfen dabei, Gefahren frühzeitig zu erkennen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.
Die Erkenntnisse aus den aktuellen Forschungen im Illgraben sind also nicht nur für Wissenschaftler von Bedeutung, sondern auch für die gesamte Bevölkerung. Schließlich geht es darum, wie wir mit den Herausforderungen der Natur umgehen – und wie wir uns und unsere Infrastruktur am besten schützen können. Wer weiß, vielleicht wird der Illgraben in Zukunft nicht nur als Forschungsort, sondern auch als Beispiel für effektiven Schutz vor Naturgefahren bekannt sein.
