Skandal in Waadt: Vorwürfe gegen emeritierten Theologieprofessor erheben sich aus der Vergangenheit
In der ruhigen Stadt Waadt brodelt es derzeit gewaltig. An der Generalversammlung der Konferenz der reformierten Kirchen der Westschweiz (CER) kam es zu einem Vorfall, der die Gemüter erhitzt. Ein emeritierter Theologieprofessor sieht sich mit schweren Missbrauchsvorwürfen konfrontiert. Zwei Frauen haben sich gemeldet und berichten von mutmaßlichen sexuellen Übergriffen, die zurück in die 1990er-Jahre reichen, als sie noch seine Studentinnen waren. Die CER hat als Konsequenz empfohlen, keine Zusammenarbeit mit dem Professor zu haben. Das klingt schon recht ernst, oder?
Die Vorwürfe haben in der Öffentlichkeit für Aufruhr gesorgt, besonders nachdem der Name des Professors in einem Artikel des französischen Magazins „Le Cri“ fiel. Die Waadtländer Staatsanwaltschaft hat bereits ein Strafverfahren gegen ihn eingeleitet, nachdem der Synodalrat der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Waadt (EERV) im Februar 2026 eine Meldung gemacht hat. Was für eine Wendung, die Geschichte nimmt!
Ein Schatten der Vergangenheit
Der Professor war zur Generalversammlung anwesend und wollte sich zu Wort melden. Sein Antrag wurde jedoch abgelehnt. In einer Erklärung betont er, dass er keine Gewalt ausgeübt habe und entschuldigte sich für „mögliche ungeschickte Gesten der Vertraulichkeit“. Ein wenig schwammig, mag man denken. Außerdem bezeichnet er die Anschuldigungen als „vage und unpräzise“ und verweist darauf, dass vor 30 Jahren „gewisse Grenzen“ anders wahrgenommen wurden. Ein Versuch, sich aus der Schlinge zu ziehen?
Die Recherche der kirchlichen Nachrichtenagentur „protestinfo“ hat 2024 begonnen und wurde 2025 fortgesetzt. Dabei kamen Spekulationen auf, dass einige Exponenten der CER versucht haben könnten, die Untersuchung zu unterbinden. Der Präsident des Synodalrats der Evangelisch-reformierten Kirche Neuenburg, Yves Bourquin, hat diese Spekulationen jedoch zurückgewiesen und von internen Gründen für die Entlassung der Medienschaffenden gesprochen. Die Situation wird zunehmend komplexer und wirft Fragen auf.
Missbrauchsskandale im Schatten der Kirche
Wenn wir schon beim Thema Missbrauch sind, dürfen wir nicht die Vorfälle im Erzbistum Köln vergessen. Der Kaplan Alfons H. hat 2022 gestanden, einen 15-jährigen Messdiener sexuell missbraucht zu haben. Die Aufarbeitung dieser Vorfälle ist alles andere als einfach. Ein Missbrauchsgutachten, das 2021 veröffentlicht wurde, deckte Vertuschung im Erzbistum auf. Alfons H. wurde im Januar 2024 zu eineinhalb Jahren auf Bewährung verurteilt – ein Urteil, das die Staatsanwaltschaft als zu mild empfindet und Revision eingelegt hat. Die Fragen, die sich hier stellen, sind drängend.
Über die Jahre gab es immer wieder Hinweise auf Fehlverhalten, doch die Reaktionen des Bistums waren oft mehr als zögerlich. Im Jahr 2010 wurde Alfons H. über Vorwürfe informiert und von der Kinder- und Jugendarbeit abgezogen, doch schon 2011 wurde er trotz aller Auflagen nach Kölner Norden versetzt. Und so zog sich die Sache hin, bis 2022 erneut Vorfälle ans Licht kamen. Es ist kaum zu fassen, wie lange solche Skandale unentdeckt bleiben können.
Wege zur Aufarbeitung
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) versucht, dem Thema der sexualisierten Gewalt auf den Grund zu gehen. Mit dem Forschungsprojekt ForuM, das im Dezember 2020 ins Leben gerufen wurde, soll eine Gesamtanalyse der Strukturen und Bedingungen stattfinden, die solche Taten begünstigen. Die Ergebnisse der ForuM-Studie sollen im Januar 2024 veröffentlicht werden. Ein Schritt in die richtige Richtung, könnte man sagen, auch wenn die Frage bleibt, ob das ausreicht.
Einige Entwicklungen sind positiv: Am 13. Dezember 2023 unterzeichneten die EKD und Diakonie Deutschland eine „Gemeinsame Erklärung“ mit der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM). Es wurden verbindliche Kriterien für die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt festgelegt, und Betroffene sollen strukturell an diesem Prozess beteiligt werden. Doch wie weit das wirklich reicht, bleibt abzuwarten. Die Skepsis bleibt.
In Basel, Waadt und darüber hinaus, zeigt sich, wie wichtig es ist, den schmerzhaften Fragen nachzugehen und die Stimme der Betroffenen zu hören. Der Weg zur Aufarbeitung ist steinig, und die Geschichten werden uns noch lange begleiten. Was heute in Waadt geschieht, ist nur ein Teil eines viel größeren Puzzles, das wir noch lange nicht vollständig begreifen.
