Seraina Kobler: Ein literarischer Aufbruch im Tessin
Im Tessin, wo die Berge sanft ins Wasser gleiten und die Luft nach frischen Pinien duftet, hat sich Seraina Kobler als einzige Schweizer Teilnehmerin bei den 50. Tagen der deutschsprachigen Literatur einen Namen gemacht. Am Freitag trat sie beim Wettlesen um den begehrten Ingeborg-Bachmann-Preis an und bereitete den Zuhörern mit ihrem Text «Rifugio» eine Erinnerungsreise ins Onsernonetal. Auf eine ganz besondere Art und Weise – statt einer geradlinigen Handlung lebte ihr Text von Landschaftsschilderungen und den zarten Fragmenten ihrer Erinnerungen.
In Koblers Werk schwingt das Thema Mutterschaft mit, ein Aspekt, der viele anspricht und tief berührt. Nach ihrer Lesung versammelte sich die siebenköpfige Jury, um über den Text zu diskutieren. Positives Feedback kam insbesondere für ihre Wortschöpfungen und die eindrucksvollen Naturbeschreibungen. Juror Thomas Strässle fand allerdings, dass der Beitrag «zu harmlos» sei und Unerfülltes suggeriere. Klaus Klastberger, der Vorsitzende der Jury, hatte ähnliche Bedenken und empfand den Text als zu erhaben. Doch es gab auch Lob: Philipp Tingler, ebenfalls Juror und Schweizer, schätzte die Art, wie Kobler die «Bewegung des Erinnerns» einfängt.
Ein Blick in die Zukunft
Die Geschichte von Seraina Kobler ist noch lange nicht zu Ende. Sie wird auch 2026 an den Tagen der deutschsprachigen Literatur und dem Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis teilnehmen. Die Einladung, die sie durch keinen Geringeren als Philipp Tingler erhielt, ist ein weiterer Schritt in ihrer vielversprechenden Karriere. Mit 14 ausgewählten Autorinnen und Autoren aus Österreich, Deutschland und der Schweiz wird sie vom 24. bis 28. Juni in Klagenfurt um die Gunst der Jury und des Publikums kämpfen.
Die 1982 in Locarno geborene Kobler wuchs in Basel auf und studierte Linguistik sowie Kulturwissenschaften. Ihre journalistische Laufbahn führte sie unter anderem zur Neuen Zürcher Zeitung, bevor sie 2020 mit ihrem Romandebüt „Regenschatten“ die literarische Bühne betrat. Ihr erster Zürich-Krimi „Tiefes, dunkles Blau“ hielt sich monatelang auf der Bestsellerliste der Schweiz und ihr jüngster Roman „Tal der Schwalben“ erschien erst im April – ganz frisch und voller Leben!
Die Bedeutung des Preises
Der Ingeborg-Bachmann-Preis hat eine lange Tradition, die bis in die 1970er Jahre zurückreicht. Gegründet von Humbert Fink und Ernst Willner, ist der Wettbewerb mittlerweile eine feste Größe in der deutschsprachigen Literaturszene. Die Veranstaltung, die seit 1977 jährlich im Frühsommer in Klagenfurt stattfindet, hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. Was einst im Fernsehen in Ausschnitten gezeigt wurde, wird seit 1989 live im Satellitenprogramm von 3sat übertragen. Kritiker und Befürworter standen sich dabei oft gegenüber, vor allem wenn es um finanzielle Verstrickungen mit dem ORF ging.
Nach den Herausforderungen der Pandemie, die 2020 und 2021 zu einer digitalen Ausgabe führten, kehrte die Veranstaltung ab 2022 in den gewohnten Ablauf zurück. Die prominente Jury und die Lesenden fanden sich wieder vor Ort im ORF-Garten, umgeben von der zauberhaften Kulisse Klagenfurts. Für Seraina Kobler sind diese Tage nicht nur eine Bühne, sondern eine Möglichkeit, ihre Stimme in einem großen literarischen Kontext zu erheben – und vielleicht sogar den prestigeträchtigen Preis von 30.000 Euro, der anlässlich des 50. Jubiläums erhöht wurde, nach Hause zu bringen.
