Die Schweizer Schuhproduzenten haben einen schweren Schlag erlitten. Bally, der traditionsreiche Schuhhersteller mit Wurzeln, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen, hat nach 175 Jahren seine Produktion in der Schweiz eingestellt. Ein ganzes Stück Geschichte geht damit zu Ende. In Caslano TI stehen nun 27 Produktionsmitarbeiter vor der Kündigung, die bereits ausgesprochen wurden, und die Entlassungen werden in den kommenden Wochen vollzogen. Die Verwaltungsbüros am Hauptsitz, in denen rund 100 Beschäftigte arbeiten, bleiben zwar erhalten, doch die Unsicherheit über die zukünftige Produktion der ikonischen Lederprodukte ist groß. Wo sollen die Bally-Schuhe künftig gefertigt werden? Das bleibt unklar.

Die letzten Jahre waren für Bally alles andere als stabil. Häufig wechselte der Besitzer – zuletzt 2024, als die deutsche Familie Reimann das Unternehmen an die amerikanische Beteiligungsgesellschaft Regent verkaufte. Davor hatte das Unternehmen schon einige Male die Fronten gewechselt, und es gab sogar einen gescheiterten Verkauf an chinesische Investoren kurz vor Abschluss im Jahr 2018. Wie viele Angestellte noch in der Schweiz bleiben, ist ebenso ungewiss. Aktuell sind es noch 127, bald sollen es nur noch 100 sein. Die Gewerkschaft OCST äußert bereits Bedenken, dass es auch in der Verwaltung zu weiteren Stellenabbauten kommen könnte.

Ein Stück Schuhgeschichte

Die Geschichte von Bally ist eine der Mechanisierung und des Wachstums. Gegründet von Carl Franz Bally im Jahr 1851, entwickelte sich das Unternehmen rasch zu einem führenden Akteur in der europäischen Schuhindustrie. In den 1950er- und 1960er-Jahren erlebte Bally seine Blütezeit mit über 15.000 Beschäftigten in der Schweiz und mehr als 10 Millionen produzierten Schuhen jährlich. Ein wahrhaft beeindruckendes Erbe, das nun in der Schwebe hängt. Karl Müller, ein Experte auf dem Gebiet, betont die Bedeutung der Eigenversorgung und des Erhalts des Erbes der Schweizer Schuhproduktion. Es ist kein Geheimnis, dass das traditionelle Handwerk unter Druck steht. Die Frage ist: Wie geht es weiter?

Aktuell gibt es nur noch zwei Produktionsstätten in der Schweiz. Die hochmoderne Fabrik in Sennwald stellt Kybun- und Kandahar-Schuhe her, während der Betrieb von Vadret & Schneiter in Thun die Marken Helvesko, Lienhard und Cybrus produziert. Jährlich werden in der Schweiz gerade einmal knapp 300.000 Paar Schuhe gefertigt. Eine Zahl, die im Vergleich zu den goldenen Zeiten von Bally wie ein Tropfen auf den heißen Stein wirkt. Die Kandahar-Schuhe aus Sennwald gehen bereits in ihre dritte Wintersaison, und das Ziel für dieses Jahr ist klar: die Produktion perfektionieren und die Internationalisierung in Luxus-Boutiquen weltweit vorantreiben.

Ein Neuanfang oder das Ende einer Ära? Die Zukunft der Schweizer Schuhindustrie ist ungewiss. Mit dem Rückzug von Bally wird ein bedeutendes Kapitel in der Geschichte des Schweizer Handwerks geschlossen. Die Herausforderung wird es sein, die Tradition und das Erbe zu bewahren, während man gleichzeitig den mutigen Schritt in eine neue, unsichere Zukunft wagt. Bleibt zu hoffen, dass die verbliebenen Hersteller den Druck überstehen und vielleicht sogar einen Weg finden, das Erbe weiterzutragen – denn die Liebe zum Schuhwerk ist tief verwurzelt in der Schweiz.

Werbung
Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren