Graubünden im Bann des Vergewaltigungsprozesses: Ein Drama, das nicht endet
In Graubünden brodelt es derzeit gewaltig, denn der Vergewaltigungsprozess gegen einen ehemaligen Verwaltungsrichter wird erneut verschoben. Ursprünglich sollte die Berufungsverhandlung am 14. und 15. Juni stattfinden, doch die Verteidigung stellte am Dienstag einen Antrag auf Verschiebung, dem das Obergericht Graubünden am selben Tag zugestimmt hat. Der Prozess ist nicht neu – er wurde bereits einmal verschoben und war ursprünglich für den 17. und 18. März angesetzt. Damals konnte die Verteidigung wegen einer Terminkollision nicht teilnehmen, da sie bei der Bundesanwaltschaft in einem anderen Verfahren beschäftigt war. Ein Bundesgerichtsurteil machte eine Neubeurteilung der Situation nötig.
Im Kern der Anklage steht der Vorwurf, der ehemalige Richter habe eine frühere Praktikantin vergewaltigt und sie wiederholt sexuell belästigt. In erster Instanz verurteilte das Regionalgericht Plessur den Angeklagten zu 23 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung, einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 90 Franken sowie einer Entschädigung an das Opfer in Höhe von 17.000 Franken. Die Staatsanwaltschaft geht jedoch noch weiter: Sie hat zusätzliche Vorwürfe wegen sexueller Nötigung erhoben und fordert eine Haftstrafe von 2,5 Jahren mit mindestens sechs Monaten Gefängnis. Ein echtes Drama, das hier abläuft!
Ein schockierendes Bild
Der Fall wirft nicht nur Fragen über die rechtlichen Abläufe auf, sondern auch über die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Laut aktuellen Zahlen wurden in der Schweiz 2023 1.371 Frauen vergewaltigt. Dabei ist die Dunkelziffer schockierend hoch – eine Erhebung von 2022 zeigt, dass 80% der Frauen keinen Schritt zur Polizei wagen. Das sind etwa 11.100 Betroffene, die in der Stille leiden. Täglich sind rund 30 Frauen Opfer massiver sexualisierter Gewalt. Scham, Schuldgefühle und die Angst, nicht geglaubt zu werden, stehen vielen Frauen im Weg, wenn es darum geht, Anzeige zu erstatten.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: 98% der Beschuldigten in Vergewaltigungsfällen sind Männer, 92% der Opfer Frauen. Und während die Polizei nur zwei Geschlechter erfasst, zeigt sich die Realität vielschichtiger. Es ist eine bedrückende Situation, die durch das neue Sexualstrafrecht, das am 1. Juli 2024 in Kraft tritt, vielleicht einen kleinen Lichtblick erhält. Aber ob das wirklich ausreicht, um die Wogen zu glätten und das Vertrauen der Betroffenen zu stärken? Das bleibt abzuwarten.
Die Frage nach dem Zeitpunkt für die Neuansetzung des Prozesses bleibt vorerst im Raum. Ein Ende dieses schmerzhaften Verfahrens ist nicht in Sicht, und die öffentliche Aufmerksamkeit auf diesen Fall wird sicher nicht nachlassen. Es ist eine ernste Erinnerung daran, dass hinter den Zahlen und Urteilen echte Menschen stehen, deren Leben durch solche Taten nachhaltig beeinträchtigt wird. Man fragt sich, wie viele Geschichten noch im Verborgenen bleiben und wie viele Frauen weiterhin in der Dunkelheit leiden müssen.
