Am 1. Mai 2023 war die Schweiz einmal mehr Schauplatz von Protesten, die in mehreren Städten ein starkes Zeichen für soziale Gerechtigkeit und internationale Solidarität setzten. Unter den Demonstrierenden fanden sich zahlreiche Mitglieder der kurdischen Community, die mit ihren Anliegen und Symbolen die politische Landschaft maßgeblich prägten. In Städten wie Zürich, Lausanne, Genf, Basel, Luzern, St. Gallen und Lugano wurde ein kraftvolles Signal gegen soziale Ungleichheit, Kriege und kapitalistische Strukturen gesendet.
In Zürich, wo die größte Mobilisierung stattfand, strömten Zehntausende auf die Straßen. Das Motto „Blocchiamo tutto“ („Wir blockieren alles“) bezog sich nicht nur auf die aktuelle politische Situation, sondern auch auf die Solidarität mit italienischen Hafenarbeitern, die Waffenlieferungen blockieren. Hier waren auch zahlreiche kurdische Aktivist:innen präsent, die mit Fahnen der YPG und YPJ sowie Bildern von Abdullah Öcalan auf ihren Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit hinwiesen. Die Spannungen zwischen der Polizei und autonomen Gruppen machten deutlich, wie brennend die Themen sind, die die Gesellschaft bewegen.
Ein starkes Zeichen in Basel und anderen Städten
Die Demonstration in Basel zog vom Messeplatz in die Innenstadt und war Teil einer landesweiten Bewegung, die auch in St. Gallen, Luzern und Lugano ihre Stimmen erhob. In St. Gallen versammelten sich mehrere Hundert Teilnehmer, darunter sozialdemokratische, grüne und antikapitalistische Gruppen. In Luzern wurde ein Solidaritätsaufruf aus Rojava verlesen, während in Lugano kurdische Aktivist:innen gegen Ausbeutung und Diskriminierung protestierten.
In Lausanne fand eine Versammlung auf dem Place de la Riponne statt, gefolgt von einer Demonstration zum Montbenon-Platz. Hier forderte ein Vertreter des kurdischen Kulturvereins eine demokratische, ökologische und kollektive Alternative und verdeutlichte, dass der Kampf der Arbeiter:innen auch patriarchale Gewalt, Umweltzerstörung und rassistische Politik umfasst. In Genf zogen die Demonstrierenden vom Place Lise Girardin bis zum Parc des Bastions, wo die internationale Beteiligung und die Präsenz der kurdischen Community besonders spürbar waren.
Der Weg zum demokratischen Sozialismus
Im Rahmen der Proteste wurde der Kapitalismus als Ursache von Kriegen, sozialer Ungleichheit und ökologischer Zerstörung benannt. Vertreter kurdischer Organisationen forderten einen demokratischen Sozialismus als Alternative und betonten die Notwendigkeit einer organisierten, kollektiven Gegenbewegung. Diese Forderungen sind besonders relevant, da die kurdische Diaspora in der Schweiz eine der politisch aktivsten in Europa ist und ihre Anliegen in die breitere gesellschaftliche Diskussion einbringt.
Die kurdische Community lebt stark verbunden mit ihrer Herkunft und ist politisch aktiv. Um die Jahrtausendwende lebten rund 40.000 Kurd:innen in der Schweiz, viele von ihnen sind hier geboren und aufgewachsen. Die Schweiz bietet seit den 1980er-Jahren ein günstiges Umfeld für politische Organisation und Mobilisierung, was sich in den vielfältigen Protestformen und der Schaffung von Gemeinschaftsräumen wie Kulturzentren und Vereinen zeigt. Diese Räume fördern nicht nur die politische Bewusstseinsbildung, sondern auch die Weitergabe von Identität und kulturellem Erbe über Generationen hinweg.
Das politische Bewusstsein wird in den kurdischen Familien durch regelmäßige Gespräche über die kurdische Geschichte und den Widerstand weitergegeben. Emotionen wie Wut und Trauer, die mit familiären Traumata verbunden sind, fördern das politische Engagement und beeinflussen die Aktivitäten der jüngeren Generationen. So sehen die Folgegenerationen das politische Engagement ihrer Familien als Quelle des Stolzes und der Verantwortung.
Diese Dynamik zeigt, wie eng Identität, Erinnerungskultur und politisches Engagement miteinander verknüpft sind. Die kurdische Community in der Schweiz ist nicht nur ein wichtiger Teil der Zivilgesellschaft, sondern auch ein aktives Kollektiv, das seine politischen Traditionen und sein Bewusstsein in die Zukunft trägt. Künftige Forschung sollte die Rolle von Familie, Kultur und Emotionen in dieser intergenerationalen Identitätsweitergabe weiter beleuchten.
Für weiterführende Informationen zu den Protesten und der kurdischen Community in der Schweiz besuchen Sie bitte die Quellen: ANF News und BFH.