In Genf wird die Luft dicker. Die Vorbereitungen auf den G7-Gipfel, der in Evian-les-Bains, Frankreich, ab Montag stattfindet, laufen auf Hochtouren. Die Stadt, die einst von den tumultartigen Protesten des G8-Gipfels im Jahr 2003 geprägt war, ist erneut in Alarmbereitschaft. Erinnerungen an die gewalttätigen Strassenschlachten und Plünderungen sind nicht verblasst. Die Ladenbesitzer sind auf der Hut und sichern ihre Geschäfte mit Holzbrettern – ein Anzeichen dafür, dass man aus der Vergangenheit gelernt hat oder vielleicht auch einfach nicht mehr riskieren möchte, dass die Geschichte sich wiederholt.
Ueli Leuenberger, ehemaliger Nationalrat und Präsident der Grünen Schweiz, hat die Ereignisse von 2003 hautnah miterlebt. Er erinnert sich an die Eskalation der Situation nach einer Kundgebung, als Aktivisten eine Tankstelle in Brand setzten. „Damals war die Polizei personell unterbesetzt und die Lage war unübersichtlich“, erzählt er. Was folgte, waren chaotische Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten, die versuchten, in die Nebenstraßen zu entkommen. Die Schäden beliefen sich auf Millionenbeträge – für die Stadt, den Kanton, die Geschäftsinhaber und die Versicherungen ein harter Schlag.
Die Schatten der Vergangenheit
Ein Untersuchungsbericht stellte fest, dass die Polizei bereits im Vorfeld Hinweise auf mögliche Ausschreitungen ignoriert hatte. Micheline Spoerri, die damals für die Sicherheit zuständige Regierungsrätin, musste die Konsequenzen tragen – ihre Abwahl war die bittere Folge. Jetzt, kurz vor dem G7-Gipfel, schwirren erneut Bedenken durch die Stadt. Arnaud Bürgin vom Genfer Unternehmerverband äußert seine Sorgen über die Sicherheit und die möglichen Auswirkungen auf die Wirtschaft. Man kann sich vorstellen, dass die Erinnerungen an 2003 viele Unternehmer in Angst und Schrecken versetzen.
Aktivist Juan Tortosa, der die Proteste von damals miterlebt hat, zeigt sich etwas optimistischer. „Heute ist die Situation anders“, sagt er. Die Grenzen nach Frankreich sind größtenteils geschlossen und die Polizei sowie die Armee sind stark präsent. Er glaubt, dass der Widerstand gegen die Gipfel der Supermächte nicht mehr so ausgeprägt ist wie früher. Doch die Vorzeichen stehen auf Sturm: Eine Koalition von Gruppen, die sich „No-G7“ nennt, plant eine Demonstration am 14. Juni in Genf. Hier soll gegen „Faschismus“, „Imperialismus“ und „Kapitalismus“ protestiert werden. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Situation entwickeln wird.
Protestkultur und Archivierung der Geschichte
Die „Archives Contestataires“ in Genf, die Dokumente über soziale Bewegungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sammeln, sind ebenfalls ein wichtiger Bestandteil der Protestkultur. Historiker Frédéric Deshusses verweist auf ein Archivdokument mit dem Titel „G8 illégitime“, das Programme von Protestveranstaltungen zwischen Annemasse, Genf und Lausanne enthält. Bei den Protesten 2003 wurden Themen wie Imperialismus, Krieg und globale Governance leidenschaftlich diskutiert. Heute hat sich das Vokabular gewandelt – der Begriff „altermondialiste“ ist weniger gebräuchlich geworden, während „Faschismus“ nun eine zentrale Rolle spielt.
Wie sich die Proteste in Genf entwickeln werden, bleibt ungewiss. Die Schweizer Behörden sind besorgt und haben bereits Frankreich darum gebeten, die Demonstranten auf ihrem Boden zu empfangen. Ein wenig wie ein Déjà-vu, nicht wahr? Man fragt sich, ob die Geschichte sich tatsächlich wiederholt oder ob wir aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben. Die Atmosphäre ist gespannt und die Vorzeichen stehen auf Protest. Genf, eine Stadt zwischen den Fronten, wird in den nächsten Tagen wieder im Fokus der Welt stehen.