Eine Revolution im Drogenumgang: Der erste Drogenkonsumraum der Welt in Bern
Im Jahr 1986 wurde in Bern ein wahrhaftiges Experiment gewagt, das nicht nur die Schweiz, sondern die ganze Welt in einen neuen Umgang mit Drogenkonsum führte. Die CONTACT Stiftung für Suchthilfe öffnete die Türen zum ersten Drogenkonsumraum weltweit. Das war eine Zeit, in der die Drogen- und Aidskrise in vollem Gange war, und viele Menschen am Rande der Gesellschaft lebten – oft unbeachtet und mit einem Stigma behaftet. Gründungsmitglied Hanspeter Wermuth erinnert sich an die anfänglichen Unsicherheiten. AIDS war ein unbekanntes Terrain, und die beste Vorgehensweise? Unklar. Aber eines wurde schnell evident: Die bestehenden Beratungsangebote schafften es nicht, viele Betroffene zu erreichen.
Der Mut, zu den Konsumierenden zu gehen, war der entscheidende Schritt. Anfangs begegneten viele Drogengebraucher der Idee mit Skepsis. Aber die Idee des Drogenkonsumraums setzte sich durch, bewährte sich und wurde ein Modell, das weit über die Grenzen Berns hinaus an Bedeutung gewann. Rückblickend betrachtet, ist Wermuth stolz auf die Entwicklung. Dennoch kämpft CONTACT weiterhin mit Vorurteilen gegenüber Drogenkonsumenten. Dabei geht es längst nicht nur um den Konsum selbst. Leiter Bubi Rufener hebt hervor, dass die Angebote weit über den Drogenkonsum hinausgehen. Hygiene- und Sozialarbeitsdienste sind ebenso Teil des Konzepts.
Pionierarbeit im Umgang mit Drogen
Die 1980er- und 1990er-Jahre waren eine herausfordernde Zeit für die Schweiz. Der Konsum illegaler Drogen stieg, besonders in Bern. Offene Drogenszenen belasteten nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Öffentlichkeit. Die damalige Drogenpolitik war wenig zielführend. Repression schob das Problem nur zur Seite, und abstinenzorientierte Beratungsangebote blieben oft unerreicht. Die Ausbreitung von HIV und anderen Infektionskrankheiten war alarmierend. Doch CONTACT begann umzudenken und setzte auf schadensmindernde Ansätze, die in der damaligen Drogenpolitik noch neu und unkonventionell waren.
Der erste Drogenkonsumraum wurde in einem Hinterzimmer einer Cafeteria in der Münstergasse eingerichtet. Hier sollte der Konsum unter hygienischen Bedingungen stattfinden – ein Ort, an dem das Team im Notfall eingreifen konnte. Dieses Vorgehen war nicht ohne Risiko; CONTACT bewegte sich in einer rechtlichen Grauzone. Doch die Überzeugung, dass Nichtstun gefährlicher wäre, gab den Mitarbeitenden den Mut, an ihrem Ansatz festzuhalten. Die Reaktionen waren gemischt: Nach einem Radiointerview wurden Mitarbeitende von Politikern angezeigt, was zu einer nationalen Debatte führte. Trotz Widerstand hielt CONTACT standhaft an der Idee fest, was letztlich zu weniger Risiken und Todesfällen führte.
Ein Wendepunkt in der Drogenpolitik
Die politische Haltung begann sich schließlich zu ändern. Der Kanton Bern forderte mehr schadensmindernde Angebote. 1988 erklärte der Generalprokurator des Kantons Bern, dass der Konsum unter bestimmten Bedingungen nicht illegal sei. Ein Rechtsgutachten von 1989 bestätigte die rechtliche Zulässigkeit von Drogenkonsumräumen. Diese Entwicklungen führten zu einem Umdenken. Offene Drogenszenen verlagerten sich, während CONTACT weiterhin seine Angebote ausbaute. Nach der Räumung des Kocherparks 1992 wurde der Konsum in betreute, institutionelle Angebote verlagert, und 1994 wurden Anlaufstellen offiziell bewilligt und ins staatliche Hilfesystem integriert.
Heute, im Jahr 2026, hat sich das Modell von CONTACT nicht nur in Bern, sondern auch in Biel verbreitet. Die Dienstleistungen umfassen Spritzenumtausch und medizinische Betreuung, alles finanziert durch die Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion des Kantons Bern. Was einst in einem kleinen Raum begann, hat sich zu einem umfassenden System entwickelt, das jetzt als Vorbild für Drogenkonsumräume in der Schweiz und international gilt.
Ein nicht zu unterschätzendes Phänomen ist auch der sexualisierte Substanzkonsum, der in vielen sozialen Kontexten zwischen Menschen aller Geschlechter stattfindet. Hier wird der Einsatz psychoaktiver Substanzen oft mit dem Streben nach geselligem Beisammensein oder gesteigerter Nähe verbunden. Die Risiken sind nicht zu vernachlässigen – Infektionen und Substanzabhängigkeit sind nur einige der Herausforderungen. Maßnahmen zur Risikominderung, wie STI-Tests und Drug Checking-Angebote, sind unerlässlich, um den betroffenen Gruppen zu helfen.
Die Entwicklung des Drogenkonsumraums in Bern ist nicht nur eine Erfolgsgeschichte, sondern auch ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Veränderungen im Umgang mit Drogen und Sucht. Ein weiteres Beispiel dafür, wie aus Herausforderungen Chancen entstehen können, wenn man bereit ist, neue Wege zu gehen.
