Bern am Scheideweg: Der Bundesplatz als Symbol für Gleichstellung und Widerstand
Heute ist der 11.06.2026 und die Stadt Bern steht vor einer spannenden Entscheidung: Der Gemeinderat muss abwägen, ob der Bundesplatz am 14. Juni für den feministischen Streiktag reserviert werden soll. Ein Postulat, das mit 30 zu 28 Stimmen von der Fraktion GB/JA angenommen wurde, wartet auf die Prüfung. Die Idee, den Platz dauerhaft zu reservieren, könnte nicht nur administrative Hürden für die Streikbewegung abbauen, sondern auch die Verantwortung der Stadt in Bezug auf Gleichstellung unterstreichen. Nora Joos von der JA bekräftigt, dass der Bundesplatz dem queerfeministischen Kampf gehört, bis die Gleichberechtigung endlich Realität ist.
Die politische Gemengelage ist dabei alles andere als einfach. Während die Fraktionen SP/Juso und AL/PdA/TIF den Vorstoß unterstützen, zeigen sich andere, wie die Mitte und die FDP, skeptisch. Michelle Steinemann von der Mitte ist der Meinung, dass nicht alles reglementiert werden muss, und Debora Alder-Gasser von EVP/GLP warnt vor einem Präjudiz. Die Diskussion zeigt, dass die Ansichten über Gleichstellung und deren Umsetzung weit auseinandergehen. Alec von Graffenried (GFL) hat zwar die Wichtigkeit des Datums erkannt, möchte jedoch keine gesetzliche Sonderregelung schaffen, bleibt also vorsichtig.
Eine bewegende Demonstration
Im vergangenen Jahr, am feministischen Streiktag 2025, demonstrierten in Bern unglaubliche 35.000 FINTA-Personen (Frauen, intergeschlechtliche, non-binäre, trans und agender Menschen) und solidarische Männer für Gleichstellung. Organisiert vom feministischen Streikkollektiv Bern, führte die Route von der Berner Schützenmatte durch die Innenstadt bis zum Bundesplatz. Das Motto „United in Resistance – Vereint im Widerstand“ hallte durch die Straßen und brachte die Forderungen nach gleichen Rechten, Mitbestimmung und dem Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt laut zum Ausdruck.
Die Vorbereitungen auf den Streiktag waren von einem Anstieg junger Teilnehmer geprägt, die durch einen antifeministischen Backlash mobilisiert wurden. Die Zeit war reif, um nicht nur für Rechte zu demonstrieren, sondern auch ein klares Zeichen zu setzen. Bei der Demonstration gedachte man auch der 15 Feminizide, die 2025 in der Schweiz verzeichnet wurden – eine Schweigeminute, die schwer im Magen lag.
Vielfältige Forderungen
Das feministische Streikkollektiv hat klare Forderungen aufgestellt: Die Umsetzung der Istanbul-Konvention, mehr Schutzplätze für Betroffene geschlechtsspezifischer Gewalt, Zugang zur Opferhilfe unabhängig vom Aufenthaltsstatus und politische Teilhabe für alle in der Schweiz lebenden Menschen. Der Streiktag begann mit Workshops und kreativen Aktionen auf der Schützenmatte, die den Teilnehmenden die Möglichkeit boten, aktiv zu werden und ihre Stimmen zu erheben.
Um 18 Uhr endete die bewilligte Demonstration auf dem Bundesplatz mit bewegenden Reden, Konzerten und Musik. Es war ein eindrucksvoller Tag, der einmal mehr bewies, dass der Kampf für Gleichstellung noch lange nicht vorbei ist. Der Bundesplatz wird auch am 14. Juni 2026 als Zentrum des Streiktages genutzt, allerdings ohne die Großdemonstration, die im Jahr zuvor die Straßen erfüllte. Stattdessen stehen dezentrale, private Aktionen auf dem Programm, und die Anliegen des Streiks werden weiterhin im Bewilligungsprozess berücksichtigt.
Die Debatte um die Dauerreservierung des Bundesplatzes zeigt, wie wichtig es ist, dass die Stadt Bern ein Zeichen setzt – nicht nur für die Gleichstellung, sondern auch für die Verantwortung, die sie in dieser Thematik trägt. Der feministischer Streiktag ist mehr als nur ein Datum, er ist ein Aufruf zur Veränderung und ein Ausdruck der Hoffnung auf eine gerechtere Zukunft.
