Kunst des Lesens: Raphael Reicherts kritische Auseinandersetzung mit der Informationsflut
Heute ist der 15.06.2026 und in Basel tut sich was! Die Art Basel zieht die kreativen Köpfe an, und einer von ihnen ist Raphael Reichert, ein Videokünstler, der mit seiner Arbeit «day digestion» im Kasko (Werkraum Warteck) die Besucher in seinen Bann zieht. Seine Videoarbeit «reading the news» ist mehr als nur ein Film, sie ist eine Reflexion über unsere Informationsgesellschaft. Über ein Jahr hinweg hat er den Bajour-Newsletter, das Basel Briefing, in verschiedenen Lebenssituationen gelesen und dabei seine Lesungen gefilmt. Das Ergebnis? Ein eindrückliches Kunstprojekt, das zum Nachdenken anregt.
Aufgewachsen in Mannheim und mit 14 Jahren in die Schweiz gezogen, hat Reichert an der Kantonsschule und später an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel FHNW studiert. Inspiration für sein Projekt fand er, als er 180 ungelesene Basel Briefings in seinem E-Mail-Postfach entdeckte – ein kleines, digitales Chaos, das viele von uns nur zu gut kennen. Er las wirklich alle 360 Ausgaben und filmte sich dabei: von seiner Wohnung über Ausstellungen bis hin zu einem Sessellift in den Bergen. Auch in Äthiopien und in einem Bus in Buenos Aires wurde gelesen. Dabei kam eine Bild-in-Bild-Technik zum Einsatz, die es ermöglicht, sowohl ihn als auch den Text zu sehen – ein Spiel mit der Wahrnehmung, das den Betrachter ins Geschehen zieht.
Gesellschaftskritik im digitalen Zeitalter
Reicherts Kunst thematisiert das Überangebot an Informationen in unserer westlichen Welt. In einer Zeit, in der Aufmerksamkeit als knappes Gut betrachtet wird, fragt er: Wie gehen wir mit der Flut an Informationen um? Herbert A. Simon wies bereits 1971 auf die Verknappung der Aufmerksamkeit hin, während Georg Franck in seinem Buch „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ die Bedeutung der Aufmerksamkeit als soziale Währung thematisiert. In der heutigen Medienlandschaft konkurriert sie mit Geld – ein faszinierendes Konzept, das in Reicherts Arbeiten widerhallt.
Mit seinen oft langen und monotonen Videos stellt Reichert einen bewussten Gegensatz zu den schnellen, klickstarken Inhalten der sozialen Medien dar. Ein Beispiel ist seine Videoinstallation, die ihn beim Krafttraining zeigt und stolze 24 Minuten dauert. Hier wird deutlich: Er möchte, dass die Betrachtenden sich mit der Langeweile seiner Videos auseinandersetzen. Vielleicht ist es genau diese Auseinandersetzung, die uns zu tieferen Einsichten führt und uns dazu anregt, über die ständige Informationsflut nachzudenken.
Ein Spiel mit der Wahrnehmung
Die Clips von «reading the news» laufen mit siebeneinhalbfacher Geschwindigkeit, wodurch der Inhalt kaum lesbar ist. Ein cleverer Schachzug, der die Zuschauer dazu zwingt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: die Art und Weise, wie wir Informationen konsumieren. Ist das nicht eine Art Systemkritik? Reichert hebt die Bedeutung der Medien für eine funktionierende Demokratie hervor – und wirft gleichzeitig die Frage auf, wie wir mit dieser Verantwortung umgehen.
In einer Welt, in der Anbieter um unsere Aufmerksamkeit wetteifern und Filterblasen vorgefasste Meinungen verstärken, ist es wichtig, innezuhalten. Reichert lässt den Besuchern die Freiheit, wie lange sie vor seinen Installationen verweilen und wie viel Aufmerksamkeit sie diesen schenken. In der Kunst wie auch im Leben scheint es also darum zu gehen, die eigene Wahrnehmung zu schärfen und kritisch zu hinterfragen, was uns präsentiert wird.
