Die Zeit vergeht, und mit ihr die Erinnerungen. In ihrer Kolumne „Ma ville“ reflektiert die Baslerin Cathérine Miville über die Vergänglichkeit der Zeit und das Innehalten in der hektischen Welt. Zwei eindrucksvolle persönliche Momente zeigen, wie Musik Erinnerungen wecken und Gemeinschaftsgefühle fördern kann. Miville, die in Basel geboren wurde und dort aufwuchs, bringt ihren Lesern die Kraft der Lieder näher, die weit über den Klang hinausgeht und tief in die menschliche Erfahrung eingreift.
Der erste Moment, den Miville beschreibt, ist der 1. Mai 2021. An diesem Tag besuchte sie ihren bettlägerigen Vater, Carl Miville-Seiler. Da ihr Vater Musik über alles liebte, brachte sie CDs mit Arbeiterliedern mit. Diese Lieder, die ursprünglich als Ausdruck von Hoffnung und Solidarität entstanden, weckten in Carl Erinnerungen an seine Jugend. Als er begann, die Melodien mitzusummen, erlebte Miville einen tiefen Augenblick der Verbundenheit und des Innehaltens. Stücke wie „Bella ciao“, das einst als Liebeslied begann und später als Protestsong berühmt wurde, sind nicht nur eingängig, sondern sie sind auch Träger von Geschichten und Emotionen.
Die Freude des gemeinsamen Singens
Ein weiterer prägender Moment ereignete sich während eines Theaterzugs in Giessen, bei dem ein Chor aus Senior*innen festlich gekleidet romantische Lieder präsentierte. Miville schildert die Freude und Verspieltheit der älteren Menschen, die mit voller Inbrunst sangen. Besonders berührend war die 103-jährige Dame, die in der Lage war, lebhaft von ihrer Jugend zu erzählen und ihre Erinnerungen mit den Anwesenden zu teilen. Diese Erfahrungen verdeutlichen die Kraft der Musik, um Erinnerungen lebendig zu halten und Lebensfreude zu fördern.
Die Lieder, die Miville erwähnt, sind nicht nur Teil der persönlichen Geschichte, sondern stehen auch in einem breiteren kulturellen Kontext. Die Lieder der Arbeiterbewegung drücken Satire, Spott und Trauer aus und haben oft einen positiven Bezug zur grenzüberschreitenden Solidarität und zum Frieden zwischen Völkern. Viele dieser Lieder sind Übersetzungen anderer Sprachen, die besonders gegen Ende des 19. Jahrhunderts populär wurden. Beispiele wie „Die Internationale“ und „Bella Ciao“ zeigen die internationale Dimension dieser Musik und ihre enge Verbindung zu anderen Kunstformen. In Deutschland erreichten diese Lieder in den zwanziger und sechziger Jahren eine hohe künstlerische Entwicklungsstufe, unterstützt durch innovative Komponisten wie Kurt Weill und Bertolt Brecht.
Die Wissenschaft hinter der Musik
Doch warum berühren uns Musik und Erinnerungen so tief? Wissenschaftler haben herausgefunden, dass beim Musikhören spezielle Gedächtnis-Netzwerke im Gehirn aktiviert werden. Diese sind unabhängig von den gewöhnlichen Gedächtnisprozessen. Professor Stefan Kölsch erklärt, dass der zinguläre Kortex, ein Gebiet, das bei musikalischen Gedächtnisprozessen eine Rolle spielt, vorhersagen kann, ob eine Person ein gehörtes Lied kennt. Besonders bei Menschen mit Demenz kann das Musikgedächtnis oft noch gut funktionieren, selbst wenn andere Gedächtnisfunktionen beeinträchtigt sind. Musik hat somit das Potenzial, Erinnerungsfähigkeit zu verbessern und trägt zur Lebensqualität von Betroffenen bei.
Insgesamt zeigt sich, dass die Musik nicht nur ein Teil unserer kulturellen Identität ist, sondern auch ein kraftvolles Mittel, um Erinnerungen lebendig zu halten. Cathérine Miville gelingt es, mit ihren persönlichen Erlebnissen und der Betrachtung von Musik als kulturellem Phänomen einen eindrücklichen Bogen zu spannen, der Generationen verbindet und die menschliche Erfahrung bereichert.