In der Schweiz müssen Personen ab 75 Jahren alle zwei Jahre ihre Fahrtauglichkeit beim Arzt testen lassen. Diese Regelung steht nun nach einem tragischen Unfall in Sedrun, Graubünden, in der Kritik. Ein 87-jähriger Fahrer hatte Gas und Bremse verwechselt und in eine Skilagergruppe gefahren, was den Tod einer Lehrerin zur Folge hatte und drei Schüler verletzte. Die Debatte über die Sinnhaftigkeit dieser Tests ist neu entfacht, insbesondere angesichts der 52.324 Unfälle, die im Jahr 2025 in der Schweiz registriert wurden, wovon 3.998 von Fahrern über 75 verursacht wurden. Dabei starben 23 Personen und 197 wurden schwer verletzt.
Im Kanton St. Gallen erloschen 1.068 Führerausweise von Personen ab 75 Jahren, häufig aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen. Es ist bemerkenswert, dass die Altersgrenze für die medizinischen Kontrollen 2019 von 70 auf 75 Jahre angehoben wurde. Eine 77-jährige Frau äußerte sich kritisch über die Tests, die ihrer Meinung nach wenig aussagekräftig sind, und fordert stattdessen praktische Tests. Politische Stimmen wie die von GLP Nationalrat Matthias Jauslin plädieren für obligatorische Fahrstunden zur Überprüfung der Fahrtauglichkeit, während Pro Senectute jährlich Nachweise der Fahreignung für Personen ab 80 Jahren verlangt.
Unfallstatistik und internationale Vergleiche
Die Schweizerische Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) hat die Situation genauer untersucht. In einer Befragung von Straßenverkehrsämtern, Ärzten und älteren Autofahrern wurde festgestellt, dass das Schweizer System keine positiven Effekte auf schwere Unfälle älterer Fahrer zeigt. Im Vergleich zu Deutschland und Österreich, wo es keine obligatorischen Tests für ältere Fahrer gibt, konnte kein signifikanter Unterschied in der Unfallhäufigkeit festgestellt werden. Dies wirft Fragen zur Wirksamkeit der bestehenden Regelung auf.
Die BFU weist darauf hin, dass die Abgabe des Führerausweises das Lebensgefühl älterer Menschen negativ beeinflussen kann. Viele empfinden eine Einschränkung ihrer Mobilität, was zu einer geringeren Lebenszufriedenheit führt. Es wird empfohlen, das aktuelle System zu überdenken, jedoch wird eine sofortige Abkehr von altersbasierten Kontrollen als übereilt angesehen. Stattdessen sollten Maßnahmen zur Förderung der Verkehrssicherheit älterer Verkehrsteilnehmer entwickelt werden, ohne ihre Mobilität unnötig einzuschränken.
Die Herausforderungen des Alters
Mit zunehmendem Alter können Reaktionsfähigkeit und Sehvermögen nachlassen, was die Fahrsicherheit beeinträchtigen kann. Eine selbstkritische Überprüfung der Fahrfähigkeit ist für alle Altersgruppen von großer Bedeutung. Ältere Verkehrsteilnehmer sind oft eher Gefährdete als Gefährder. Laut dem ADAC verursachten Menschen ab 65 Jahren 19,3% der Unfälle mit Personenschaden, was unter ihrem Bevölkerungsanteil von 23% liegt. Über 50% der tödlich verunglückten Fußgänger und Radfahrer gehören zu dieser Altersgruppe.
ADAC-Experte Ulrich Chiellino betont, dass das Alter allein nicht ausreicht, um die Fahreignung zu beurteilen. Altersbedingte Leistungseinbußen können schleichend auftreten, weshalb regelmäßige medizinische Untersuchungen, insbesondere des Sehvermögens, empfohlen werden. Bei gesundheitlichen Problemen sollte der Kontakt zur behandelnden Ärztin oder dem Arzt gesucht werden. Der ADAC bietet zudem verschiedene Programme wie Fahr-Fitness-Checks und Fahrsicherheitstrainings für ältere Verkehrsteilnehmer an, um deren Sicherheit im Straßenverkehr zu gewährleisten.