Wenn der Frühling in die Alpen zieht, dann ist es wieder so weit: Die Kühe werden auf die Alpwiesen gebracht. Hansueli Buff, ein 59-jähriger Senn aus Urnäsch, ist seit Generationen Teil dieser Tradition. Auf die Alp Grosslangboden führt sein Weg für fünf Stunden, nur zu Fuß, versteht sich. Kein Ort für Hektik, sondern ein Erlebnis, das mit jedem Schritt intensiver wird. Die Kühe – sie wissen, was auf sie zukommt, die Freiheit, das saftige Gras, die frische Bergluft. Buff, der als Gaissbueb vor 54 Jahren zum ersten Mal bei der Alpfahrt dabei war, sorgt heute für die sichere Ankunft seiner Herde.
Im Mittelpunkt des Alpzuges stehen die Senntumschellen, die von drei Leitkühen getragen werden. Ein Set dieser Schellen kostet rund 13.000 Schweizer Franken und wird mit viel Hingabe hergestellt – etwa 120 Arbeitsstunden sind dafür nötig. Peter Preisig, einer der wenigen verbliebenen Schellenschmiede, hat sich seit 1998 dem Handwerk verschrieben. Wenn die Schellen läuten, erzeugen sie einen klaren Grundton und harmonische Teiltöne, die durch Größe, Materialdicke und den Schmiedeprozess beeinflusst werden. Es ist nicht nur ein Klang, es ist ein Stück Appenzeller Tradition, das von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Die Feier der Alpfahrt
Die Alpfahrt ist ein ganz besonderes Ereignis im Appenzellerland. Während die Kühe auf die Alpwiesen gebracht werden, trägt der Senn seine Festtagstracht, den Fahreimer über der linken Schulter. Hinter ihm reihen sich nicht nur Kühe, sondern auch Rinder, Kälber und manchmal ein Stier ein. Ein fröhlicher Trubel, in dem die Appenzeller Ziegen die Spitze des Zuges bilden, brav von Kindern in Tracht im Zaum gehalten. Stolz zeigt der Besitzer der Viehherde, dass er seine Tiere nicht nur auf die Alm bringt, sondern sie auch sicher zurück ins Tal führt.
Doch es ist nicht nur der Weg, der zählt. Unterwegs erhalten die Sennen Stärkung durch Getränke von den Wirtschaften – das sogenannte „usekhäbed“. Bei Ankunft auf der Alp wird dann gefeiert: Die Sennen tragen die Schellen zur Hütte und singen „Rugguusseli“. Ein schöner Brauch, der den Tag krönt und die Gemeinschaft stärkt. In der Regel bleibt das Vieh für acht bis zehn Wochen auf der Alp, gefolgt von der Alpabfahrt, die spätestens am 30. September stattfindet. Diese verläuft nach dem gleichen Muster wie der Aufzug, wieder mit Festlichkeit und vielen besonderen Klängen.
Ein Brauch mit Geschichte
Der Almauftrieb, auch Alpaufzug oder Alpfahrt genannt, hat eine lange Tradition. Es handelt sich um eine Form des Viehtriebs, die meist im Mai oder Juni stattfindet, abhängig vom Pflanzenwachstum. Bis ins 20. Jahrhundert hinein war dieser Brauch oft mit mehrtägigen Fußmärschen für Vieh und Hirten verbunden. In vielen Regionen der Schweiz verläuft die Alpfahrt still, während im Appenzellerland oft ein bunter Alpabzug gefeiert wird. Hier ist die Alpfahrt nicht nur ein Grund zum Feiern, sondern auch ein gesellschaftliches Ereignis, das die Verbundenheit zur Heimat und zur Natur zeigt.
Die Kühe werden mit großen Glocken und Tricheln geschmückt, die die Sennen stolz zur Schau tragen. Während die Tiere beim Almauftrieb nicht festlich geschmückt werden, bleibt der Klang der Schellen unvergessen. Ein Erlebnis, das nicht nur für die Sennen, sondern auch für die Zuschauer zum Höhepunkt des Jahres wird – der Alpaufzug, ein wahrlich lebendiges Stück Appenzeller Tradition.