Die Natur ist ein zartes Gleichgewicht, und wie oft stellen wir fest, dass wir mit unserem Handeln dieses Gleichgewicht gefährden. Im Aargau, einem Kanton, der für seine idyllischen Landschaften und kleinen Flüsse bekannt ist, wird diese Problematik gerade besonders schmerzlich deutlich. Kleine Gewässer, die für die Biodiversität und das Ökosystem von zentraler Bedeutung sind, sind besonders von Pestizid- und Stoffbelastungen betroffen. Aktuell ist die Wyna in aller Munde, nachdem alarmierende Wasserproben eine Deltamethrin-Belastung aufdeckten, die den Grenzwert in Beromünster LU um das 4200-fache überschritt. Dies geschah vermutlich durch das Besprühen von Rapsfeldern – ein klassisches Beispiel dafür, wie landwirtschaftliche Praktiken in Konflikt mit dem Gewässerschutz geraten können.

Die Wasserproben, die im Herbst entnommen wurden, sorgten nicht nur im Aargau für Aufregung. Mediale Aufmerksamkeit breitete sich über die Kantone Luzern und Aarau hinaus aus. Grossrat Matthias Betsche setzte sich mit einer Interpellation und einem Postulat für die Verunreinigung der Wyna ein. Die Situation ist ernst, denn nationale Studien zeigen, dass Schweizer Fliessgewässer regelmäßig mit Pestiziden belastet sind. Besonders kleinere Gewässer wie die Wyna und die Küntenerbach, die seit 2018 überwacht werden, stehen im Fokus. Der Regierungsrat hat nun die Notwendigkeit erkannt, Informationen über die Deltamethrin-Belastung zwischen den Kantonen Luzern und Aargau prompter auszutauschen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber ob das ausreicht?

Die Herausforderungen der Gewässerüberwachung

Am 28. April kam es zu einem Postulat mit drei konkreten Forderungen zur Verbesserung des Gewässerschutzes und der Frühwarnsysteme. Der Regierungsrat plant zwar eine Überarbeitung des Monitorings, sieht jedoch ein flächendeckendes Frühwarnsystem als nicht umsetzbar an. Das Monitoring erfolgt momentan im Turnus von zehn Jahren – viel zu lange, um rechtzeitig auf Gefahren reagieren zu können. In einem Zeitalter, in dem Informationen schneller als je zuvor fließen, könnte man meinen, dass auch die Überwachung unserer Gewässer entsprechend rasch angepasst werden kann. Doch hier hapert es. Der Regierungsrat ist bereit, an einer interkantonalen Datenbank zu arbeiten, um den Datenaustausch zu verbessern und die Zusammenarbeit zwischen den Kantonen zu stärken. Ein mühsamer, aber notwendiger Prozess.

Interessanterweise zeigt eine neue Studie aus dem Bereich Aquatische Ökotoxikologie, dass die Risikobewertung von Chemikalien in Europa stark variieren kann. Deltamethrin ist da keine Ausnahme. Hier schwanken die Schwellenwerte für Wasserorganismen um mehr als drei Größenordnungen! Das ist schon fast absurd. Währenddessen wird in der Schweiz die Regulierung von Pestiziden nach hohen Schutzzielen für Umwelt und Gesundheit durchgeführt. Trotzdem sieht die Realität oft anders aus. Das Beispiel Deltamethrin zeigt, dass trotz der Risiken für Wasserorganismen die Zulassungen immer wieder verlängert wurden, zuletzt vor über 20 Jahren.

Ein Blick über die Grenzen

Die EU-Kommission hat nun das Konzept „One Substance – One Assessment“ vorgeschlagen, um eine einheitliche Chemikalienbewertung zu erreichen. Ein ehrgeiziges Unterfangen. Denn die Unterschiede in der Risikobewertung hängen nicht nur von den verwendeten Daten ab, sondern auch von den Bewertungsmethoden, die je nach Behörde variieren. Man fragt sich, wie viele andere chemische Substanzen ebenfalls in der Schwebe sind, während hinter den Kulissen an Lösungen gearbeitet wird. Alexandra Kroll, eine Expertin auf diesem Gebiet, betont die Notwendigkeit einer besseren Zusammenarbeit zwischen den Behörden, um potenzielle Risiken frühzeitig zu erkennen und zu begrenzen. Es bleibt abzuwarten, ob und wie diese Vorschläge umgesetzt werden.

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Die Problematik der Pestizidbelastung ist nicht nur ein Problem des Aargaus oder der Schweiz, sondern ein europäisches Dilemma. Die Zielvorgabe des Europäischen Green Deals, die Verwendung und das Risiko von Pestiziden um 50 Prozent zu reduzieren, zeigt, dass es höchste Zeit ist, die Weichen neu zu stellen. In Deutschland etwa wurden zwischen 2013 und 2019 an 38 Prozent der Messstellen in Oberflächengewässern Überschreitungen festgestellt. Das lässt einen schon nachdenklich zurück. Trinkwasser wird durch diese Indikatoren nicht bewertet, aber die Kosten für die Aufbereitung steigen – und das betrifft letztendlich uns alle.

Es ist klar, dass wir handeln müssen. Die Wyna ist nur ein Beispiel unter vielen, und die Verantwortung liegt nicht nur bei den Behörden, sondern auch bei jedem Einzelnen von uns. Die Natur kann sich nicht selbst schützen, das müssen wir übernehmen. Und vielleicht ist es an der Zeit, dass wir den Dialog über den Schutz unserer Gewässer und die Zukunft unserer Umwelt neu entfachen.