In der lebendigen Stadt Zürich wird derzeit eine bemerkenswerte Ausstellung mit dem Titel „Wir, Saisonniers …“ gezeigt, die sich mit einem oft vergessenen Kapitel der Schweizer Geschichte auseinandersetzt. Die Lebensbedingungen von Saisonniers, die von den 1930er Jahren bis zur Einführung der Personenfreizügigkeit im Jahr 2002 in der Schweiz arbeiteten, stehen hier im Mittelpunkt. Diese Ausstellung zeigt eindrucksvolle Schwarzweißfotos und Dokumente, die die harten Lebens- und Arbeitsbedingungen dieser Arbeiter eindringlich darstellen. Trotz ihres Beitrags zum Wohlstand der Schweiz erhielten Saisonniers aus Italien, Spanien und Portugal wenig Lohn und hatten kaum Rechte.

Die SVP fordert sogar die Rückkehr des umstrittenen Saisonnierstatuts, das 1931 eingeführt wurde und die Vergabe von Kurzaufenthaltsbewilligungen für ausländische Arbeiter regelte. Dieses Statut war besonders relevant für Branchen mit jahreszeitlichen Schwankungen, wie die Hotellerie. Es war eine Reaktion auf die Nachfrage nach billigen Arbeitskräften und die Ängste vor Überfremdung in der Bevölkerung. Während die Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg dringend auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen war, wurden die Saisonniers jedoch systematisch von der Gesellschaft ausgeschlossen. Familiennachzug war nicht vorgesehen, was als Verstoß gegen Menschenrechte angesehen wird.

Die dunkle Geschichte der Saisonniers

Die Bedingungen, unter denen Saisonniers lebten und arbeiteten, waren oft unmenschlich. Bei der Einreise mussten sie sich ausziehen und wurden auf Krankheiten untersucht. Nach maximal neun Monaten Aufenthalt mussten sie die Schweiz wieder verlassen. Schwangere Saisonniers wurden gezwungen, das Land zu verlassen, was zu seelischem Schaden führte. Historiker Damir Skenderovic sieht die „Überfremdungsinitiative“ von James Schwarzenbach, die 1970 knapp abgelehnt wurde, als Vorläuferin der aktuellen SVP-Initiative.

Die Ausstellung in der Photobastei läuft noch bis zum 21. Juni 2026 und bietet einen einzigartigen Einblick in die Herausforderungen, die viele Saisonniers bewältigen mussten. Schätzungen zufolge lebten zwischen den 1950er und 1990er Jahren zwischen 10.000 und 15.000 Kinder von Saisonniers im Untergrund. Eine aktuelle Studie geht sogar von 50.000 versteckten Kindern aus, die von öffentlichen Dienstleistungen ausgeschlossen waren. Erst 1991 wurde das Recht auf Bildung für diese Kinder höher gewichtet als die Aufenthaltsbewilligung. Diese langfristige Abwesenheit der Väter führte zu zerrütteten Ehen und Problemen bei der schulischen Integration.

Ein Blick in die Vergangenheit

Ein eindrucksvolles Beispiel für die Herausforderungen der Saisonniers ist die Geschichte von Vito Bianchi, einem jungen Mann aus Umbrien, der in den 1960er Jahren als Holzhacker in der Schweiz arbeitete. Ohne Deutschkenntnisse und aus einer anderen Kultur stammend, kam er nach Basel, um für neun Monate zu arbeiten. In diesen Jahren waren viele Italiener in die Schweiz gekommen, um mit ihrer Arbeit die wirtschaftlichen Bedürfnisse des Landes zu erfüllen. Bianchi lebte unter prekären Bedingungen – oft mit mehreren Kollegen in beengten Unterkünften und zu einem Lohn, der weit unter dem Durchschnitt lag.

Werbung
Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Das Saisonnierstatut wurde 2002 mit der Einführung des freien Personenverkehrs zwischen der Schweiz und der EU abgeschafft. Dennoch sind die Probleme aus dieser Zeit für viele Menschen in der Schweiz heute noch relevant, insbesondere für Sans-Papiers. Die Diskussion über Zuwanderung und Migration ist weiterhin von den Erfahrungen der 1960er und 1970er Jahre geprägt. Ein neues Verständnis für die Herausforderungen und die Bedeutung der Saisonniers könnte helfen, die Vergangenheit zu bewältigen und die Zukunft der Migration in der Schweiz mit mehr Empathie und Verständnis zu gestalten.

Die Ausstellung in Zürich bietet nicht nur einen Rückblick auf diese schwierige Geschichte, sondern auch eine Gelegenheit, über die aktuellen Entwicklungen in der Migrationspolitik nachzudenken. Es bleibt zu hoffen, dass die Erfahrungen der Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten und dass die Stimme der Saisonniers auch in Zukunft Gehör findet.