Wenn die Weiden verdorren: Die Schweizer Landwirtschaft im Kampf gegen die Hitzewelle
Die Hitzewelle hat die Schweizer Landwirtschaft fest im Griff, und die Auswirkungen sind nicht zu übersehen. Martine Gerber, eine engagierte Schäferin aus Les Posses-sur-Bex im Kanton Waadt, hat die gelb verfärbten, ausgedörrten Weiden vor ihrer Tür schon oft betrachtet. Hier, wo Schafe und Esel wohnen und Beeren gedeihen, ist die Natur zurzeit eher ein Schatten ihrer selbst. Am 26. Juni 2026 durften die Kühe in Oulens-sous-Echallens sich wenigstens unter einem Wassernebel erfrischen, während die Hitzewelle bei den Tieren Stress erzeugt. Lämmer fressen kaum, nehmen nicht zu, und auch die Muttertiere bringen weniger Milch. Ein trauriger Anblick, oder?
Die Himbeeren sowie die roten und schwarzen Johannisbeeren sind klein geblieben und vertrocknet. Und das Wasser? Die Regenwasserreserven sind schnell zur Neige gegangen – eine Bewässerung mit Leitungswasser wäre nicht nur teuer, sondern auch ineffizient. In den letzten Jahren haben viele Höfe ihren Arbeitsalltag umgestellt. Bewässerung wird jetzt nachts oder frühmorgens durchgeführt, und die Feldarbeiten verschieben sich in die kühlere Abendstunden. Gerber, die sich durch die Hitze kämpfen muss, kann ihr normales Arbeitstempo nicht aufrechterhalten und macht jetzt mehr Pausen. Oft arbeitet sie bis 22 Uhr, um die dringendsten Arbeiten zu erledigen. Wenn Gewitter drohen, wird das Heu unabhängig von der Hitze eingebracht.
Herausforderungen für die Landwirtschaft
Eline Müller von der Westschweizer Bauerngewerkschaft Uniterre berichtet, dass die Nächte für die Betriebe, die bewässern, kürzer werden. Die hitzeresistenten Sorten, auf die einige Produzenten umgestellt haben, sind ein kleiner Lichtblick. Laut Pauline Pillon vom Genfer Bauernverband Agrigenève gibt es hier und da Ansätze, die den Herausforderungen der Hitzewellen entgegenwirken sollen. Aber es bleibt ein Umdenken in der Landwirtschaft gefordert. Gerber sieht die technischen Anpassungen als unzureichend an und fordert einen stärkeren Schutz der Agrarökosysteme.
Doch nicht nur die Schweizer Landwirtschaft ist betroffen. Auch in Deutschland hat die Klimakrise ihre Spuren hinterlassen. Langanhaltende Trockenperioden und sinkende Grundwasserspiegel setzen die Landwirte unter Druck. Im ersten Halbjahr 2025 war es dort so trocken wie nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Ernteverluste zeichnen ein düsteres Bild. Wetterextreme nehmen zu: Hitzewellen wechseln sich mit Starkregen ab, was die Böden überfordert. Der ausgedörrte Boden kann das Wasser bei einem plötzlichen Starkregen nicht aufnehmen, was zu Überschwemmungen führt. Die Hitzesommer 2018 und 2019 haben Schäden von rund 25,6 Milliarden Euro in der Forst- und Landwirtschaft verursacht – eine Summe, die uns alle nachdenklich stimmen sollte.
Der Klimawandel hat viele Gesichter
Der Klimawandel ist nicht nur ein Schlagwort, sondern eine Realität, die wir alle spüren. Extreme Wetterlagen, die immer häufiger auftreten, bringen nicht nur Risiken für die Ernte mit sich, sondern auch Chancen für neue Kulturen. Die Durchschnittstemperaturen steigen, und die Vegetationsphase vieler Pflanzen verschiebt sich. So beginnen Apfelbäume und Raps mittlerweile etwa 20 Tage früher zu blühen als noch vor 50 Jahren. Das kann sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich bringen. Mehrfache Ernten sind möglich, jedoch steigt auch die Anfälligkeit für Spätfröste.
Die Folgen des Klimawandels sind auch für die Tierhaltung spürbar. Steigende Temperaturen beeinträchtigen die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Tiere, insbesondere bei Kühen. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, sind präventive Maßnahmen unerlässlich. Frostschutzberegnung, Hagelschutznetze und Bewässerungsanlagen sind nur einige der Strategien, die Landwirte in Betracht ziehen sollten. Auch Risikomanagement durch Verträge mit Abnehmern kann helfen, das wirtschaftliche Risiko zu minimieren.
Es bleibt abzuwarten, wie sich die Landwirtschaft in der Schweiz und darüber hinaus an die Herausforderungen der Klimakrise anpassen wird. Vor allem aber ist ein Umdenken in der gesamten Branche notwendig. Die Natur gibt uns viel, aber sie ist auch verletzlich. Und die Zeit zum Handeln ist jetzt.
