Im malerischen Weinbaugebiet Lavaux, einem der schönsten Orte der Schweiz, wandelt man auf den Spuren einer jahrhundertealten Tradition. Die sanften Hügel, die steil ins Wasser des Genfersees abfallen, sind nicht nur ein Schmaus für die Augen, sondern auch ein Lebensraum für eine beeindruckende Vielfalt an Flora und Fauna. Eine aktuelle Studie des Biologen Raymond Delarze und seines Teams vom biologischen Büro BEB in Aigle hat nun jedoch eine gewisse Fragilität innerhalb dieses Ökosystems festgestellt. Trotz einer hohen Biodiversität – mit 648 Arten von Blütenpflanzen und Farnen, 15 Brutvogelarten und vielen weiteren tierischen Mitbewohnern – zeigt sich, dass einige Arten, die außerhalb der bewirtschafteten Weinberge leben, in ihrer Häufigkeit abnehmen. Delarze spricht von einer besorgniserregenden Anfälligkeit, die sofortige Maßnahmen zur Erhaltung erfordert. Der Zeitpunkt könnte kaum entscheidender sein.
Lavaux, das seit 2007 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, ist nicht nur ein Ort der Schönheit, sondern auch ein kulturelles Erbe. In der bekannten Ortschaft Epesses, wo die Weinlese traditionell von Hand durchgeführt wird – Maschinen sind hier einfach nicht möglich, die Hänge sind zu steil – lebt die Winzerfamilie Duboux seit über 600 Jahren. Blaise Duboux, der das Gut in der 17. Generation führt, hat viel zu kämpfen. Der strenge Dorfbildschutz erschwert Veränderungen, auch wenn er die jahrhundertealte Kunst des Mauer- und Rebbaus bewahren möchte. Komischerweise ist der Gemeindepräsident Alain Bouquet etwas entspannter in dieser Hinsicht und offen für den Abriss von Mauern, solange es sich nicht um Stützmauern handelt. Der Spagat zwischen Tradition und Fortschritt ist in Lavaux spürbar.
Biodiversität im Fokus
Die Studie im Lavaux deckte die Hälfte der gesamten Fläche ab und die Ergebnisse sind alarmierend. Einige Arten, so Delarze, haben sehr kleine Populationen, was ihre Fortpflanzung und das Überleben langfristig erschwert. Der positive Einfluss des Genfersees und die ideale Sonneneinstrahlung fördern zwar viele Pflanzen, doch die Herausforderungen sind enorm. Typische Bewohner dieser Region sind die Smaragdeidechse, der Wendehals und die Zippammer. Die Pflanzenwelt, darunter der Milzfarn und das Wilde Löwenmaul, zeugt von der Vielfalt, die es zu schützen gilt. Umso wichtiger ist es, dass konkrete Maßnahmen ergriffen werden, wie Delarze eindringlich betont.
Parallel zu diesen Herausforderungen wird in anderen Weinbaugebieten, wie in Deutschland, an Projekten gearbeitet, um die Biodiversität zu fördern. Im Rahmen des Bundesprogramms Biologische Vielfalt werden Winzer beraten, wie sie die Artenvielfalt steigern können. Innovative Maßnahmen und ein digitales Handbuch sollen helfen, das Wissen zu verbreiten und auch die Winzer im Lavaux könnten von solchen Initiativen profitieren. Immerhin ist der Rückgang der biologischen Vielfalt ein Problem, das nicht nur die Schweiz, sondern viele Weinbauregionen betrifft. Die Notwendigkeit, den Rückgang aufzuhalten und eine nachhaltige Nutzung zu gewährleisten, ist universell.
Die Zukunft des Lavaux hängt also nicht nur von den Winzern ab, sondern von einem kollektiven Bewusstsein für den Erhalt der Natur. Die Region hat viel zu bieten – nicht nur in Form von köstlichem Wein, sondern auch als Lebensraum für eine Vielzahl von Arten, die es verdienen, geschützt zu werden. Ob sich die Balancen zwischen Tradition und notwendigen Veränderungen halten lassen, bleibt abzuwarten. Doch die Leidenschaft der Winzer, wie die von Blaise Duboux, kommt nicht von ungefähr. Sie sind die Hüter dieser einzigartigen Kulturlandschaft und stehen vor der Herausforderung, sie für kommende Generationen zu bewahren.