Das Tessin steht vor einer schweren Zeitenwende. Die letzte Bally-Schuhfabrik in der Schweiz schließt ihre Türen. Nach 175 Jahren, die von einer beeindruckenden Geschichte geprägt sind, wird die Produktion in Caslano eingestellt. Das sorgt nicht nur für Unmut unter den rund 27 Mitarbeitern, die bis spätestens Ende August 2026 ihre Stellen verlieren, sondern auch für eine diffuse Angst um die Zukunft weiterer Arbeitsplätze. Die provisorische Nachlassstundung des traditionsreichen Unternehmens hat die Sorgen um die verbleibenden 100 Verwaltungsangestellten, die in den Büros am Hauptsitz beschäftigt sind, neu entfacht.

Der Schuhproduzent Bally, gegründet 1851 von Carl Franz Bally und seinem Bruder Fritz in Schönenwerd, hat sich über die Jahre zu einem der bekanntesten Namen der Schweizer Industrie entwickelt. Doch die letzten Jahre waren von ständigen Besitzerwechseln und finanziellen Problemen geprägt. Die Verschuldung des Unternehmens wird auf etwa 20 Millionen Franken geschätzt. Ein Sozialplan wurde bereits im Mai nach der Ankündigung der Entlassungen vereinbart, doch die Unsicherheiten bleiben. Die Gewerkschaft OCST befürchtet, dass auch die Verwaltungsbüros von der Schließung betroffen sein könnten – eine Situation, die nicht nur die betroffenen Mitarbeiter, sondern auch die gesamte Region in Atem hält.

Ein Blick in die Geschichte

Bally hat im 20. Jahrhundert eine beachtliche Karriere hingelegt. Zu den besten Zeiten in den 1950er- und 1960er-Jahren zählte das Unternehmen stolze 15.000 Mitarbeiter in der Schweiz und produzierte über 10 Millionen Paar Schuhe jährlich. Doch ab den 1970er-Jahren begann der Niedergang. Managementfehler, eine uneinheitliche Markenführung und die ständigen Besitzerwechsel, darunter die Übernahme durch Texas Pacific Group 1999, führten zu einem schleichenden Rückgang. 2024 übernahm das US-Unternehmen Regent Bally, was eine weitere Welle an Umstrukturierungen und Personalabbau nach sich zog. Von ehemals 250 Beschäftigten am Tessiner Standort sind jetzt nur noch 127 übrig, und bald könnten es nur noch 100 sein.

Die Frage, wo die Lederprodukte künftig hergestellt werden, bleibt vorerst unbeantwortet. Auf eine Anfrage bei Bally erhielt man lediglich eine automatisch generierte Standardantwort. Das ist frustrierend, vor allem für die betroffenen Mitarbeiter, die nun in einer ungewissen Zukunft stehen. Zwei Mitglieder des Tessiner Grossen Rates haben bereits eine Anfrage an den Regierungsrat gerichtet. Sie wollen wissen, ob der Kanton oder die Gemeinden Gläubiger des Unternehmens sind und welche Maßnahmen ergriffen werden können, um solche kritischen Situationen in Zukunft zu vermeiden.

Ein Ende, das Fragen aufwirft

Die Schließung des Bally-Standorts in Caslano ist nicht nur ein Verlust für die Mitarbeiter, sondern auch für die Schweizer Industriegeschichte. Oliver Huber, ein ehemaliger Mitarbeiter, beschreibt diesen Schritt als das Ende eines Kapitels und als Symbol für den Wandel in der globalisierten Wirtschaft. Der Bally Flagshipstore in Lugano wird ebenfalls geschlossen – ein weiteres Zeichen des Wandels, das für viele wie ein Schlag ins Gesicht wirkt.

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Bally war für viele ein Synonym für Qualität und Tradition, vergleichbar mit Marken wie Lindt & Sprüngli oder Nestlé. Doch wie so oft in der heutigen Zeit stellt sich die Frage: Wie viel Tradition kann eine Marke überstehen, wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sich ständig verändern? Die Sorgen um die Arbeitsplätze im Tessin sind also nicht nur eine lokale Angelegenheit, sondern berühren ein viel tiefer liegendes Problem in der globalen Wirtschaft.