Reformierte Wege: Schaffhausen und die Zukunft der Kirche
In Schaffhausen ist ein spannender Reformprozess im Gange, der die evangelisch-reformierte Kirche des Kantons in eine neue Ära führen könnte. Unter dem Motto «Kirche für morgen» wird ein grundlegender Systemwechsel angestrebt. Die Herausforderungen sind nicht zu unterschätzen: sinkende Mitgliederzahlen, Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung, insbesondere im Pfarramt – die Herausforderungen sind vielfältig und erfordern kreative Lösungen.
Das Herzstück des Reformprozesses ist das innovative «Mischpult-Modell». Es geht darum, die Aufgaben innerhalb der Kirche flexibler zu gestalten und neue Berufsbilder zu definieren. Die Idee ist, dass pfarrdienstliche Aufgaben nicht mehr nur von einem einzelnen Pfarrer oder einer Pfarrerin getragen werden, sondern auf mehrere Schultern verteilt werden. Multiprofessionelle Teams kommen ins Spiel, die aus verschiedenen Berufsgruppen bestehen: Pfarrdienst, Prädikant:innendienst, Sozialdiakonat, Katechetik und Gemeindekoordination. So können die Kirchgemeinden autonom über den Einsatz und Umfang der Dienste entscheiden. Eine Mindestbesetzung von 25 % Pfarrstellen pro Gemeinde bleibt jedoch bestehen.
Ein Paradigmenwechsel in der Gemeindearbeit
Die Notwendigkeit einer flexiblen Zusammenarbeit zwischen Kirchgemeinden, Fachpersonen und Freiwilligen wird immer deutlicher. Der Abschied vom traditionellen Pfarrmodell ist nicht nur ein Schlagwort, sondern eine echte Notwendigkeit, um den aktuellen Herausforderungen zu begegnen. In diesem Zusammenhang wird auch die Fort- und Weiterbildung für Berufsgruppen, die bislang keine pfarrdienstlichen Aufgaben hatten, ein zentrales Thema sein.
Ein Beispiel für die erfolgreiche Umsetzung dieser neuen Ansätze ist die Pastorationsgemeinschaft aus drei Kirchgemeinden, die bereits fruchtbar zusammenarbeitet. Hier zeigt sich, wie neue Formen der Kooperation und Multiprofessionalität konkret aussehen können. Die Synode hat am 17. Juni 2023 nahezu einstimmig den Reformprozess verabschiedet und dem Kirchenrat im November 2025 den Auftrag zur Neudefinition der Berufsbilder und Kompetenzen erteilt. Ein wichtiger Schritt, der den Weg für die Zukunft ebnen könnte.
Forschung als Wegbereiter für Veränderungen
Doch nicht nur in Schaffhausen tut sich etwas. Ein weiteres spannendes Projekt ist das Forschungsprojekt «Kirchenentwicklung in Transformationspraktiken» (KiTraP). Gefördert von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), wird es von einer Forschungsgruppe der Humboldt-Universität zu Berlin und der Evangelischen Hochschule Berlin durchgeführt. Das Ziel ist es, die Debatte um die Kirchenreform neu zu gestalten und den Fokus auf gegenwärtige Praktiken der Kirchenentwicklung zu legen.
Die Forschung betrachtet Kirchenentwicklung als einen nicht-linearen Prozess, der von Fortschritt, Stillstand, Verständigung und Konflikten geprägt ist. Drei Akteursebenen stehen dabei im Mittelpunkt: Die kirchenleitenden Transformationspraktiken, das Handeln von haupt-, neben- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden sowie religiöse Transformationspraktiken, wie etwa ein Segensbüro in Berlin Neukölln, das individuelle Wünsche bei Ritualen berücksichtigt. In diesem Kontext wird die Notwendigkeit sichtbar, die verschiedenen Handlungskontexte kirchlicher Transformationspraxis zu verknüpfen. So wird die EKBO als dynamische und vielfältige Landeskirche betrachtet, die sowohl regionale Unterschiede als auch übergreifende Herausforderungen zu meistern hat.
Die Entwicklungen in Schaffhausen und die Erkenntnisse aus dem KiTraP-Projekt könnten sich gegenseitig befruchten. Während die evangelisch-reformierte Kirche des Kantons Schaffhausen ihren mutigen Schritt in die Zukunft wagt, könnte die Forschung dazu beitragen, dass diese Schritte wohlüberlegt und nachhaltig sind. Ein spannendes Zusammenspiel, das zeigt, wie wichtig es ist, nicht nur den Blick nach vorne zu richten, sondern auch die aktuellen Herausforderungen aktiv anzugehen.
