Grenzenlose Menschlichkeit: Ein Blick auf „Querfeldein“ von Alex Capus
In einem kleinen, aber lebhaften Grenzdorf in Schaffhausen, wo die Ufer des Bodensees die Schweiz von Deutschland trennen, entfaltet sich die packende Geschichte in Alex Capus‘ neuem Roman „Querfeldein“. Mit einer Prise Humor und einer gehörigen Portion Menschlichkeit erzählt der Oltner Schriftsteller von den Höhen und Tiefen des Lebens in einer Zeit, die alles andere als einfach war. Im Mittelpunkt steht Hermann Weber, ein Schmuggler aus Böhmen, der im August 1933 beim illegalen Transport von Kaffee, Zucker und kommunistischem Propagandamaterial zwischen den beiden Ländern erwischt wird. Das Schicksal nimmt seinen Lauf, als Hermann auf Schweizer Boden von Nazi-Schergen misshandelt und nach Deutschland verschleppt wird.
Doch die Dorfgemeinschaft von Ramsen zeigt sich solidarisch. Der Druck der Bevölkerung bringt die Schweizer Behörden dazu, Hermann zurückzuholen. In dieser Zeit des Aufruhrs lernen wir Arnold kennen, den Wirt des Gasthofs zur Moskau. Arnold, ein Außenseiter im Dorf, hat sich mit seinem Gasthaus, das er mit Gewinnen aus dem Roulette-Spiel eröffnet hat, einen Platz in der Gemeinschaft erkämpft. Hier, wo sich Dorfbewohner und gelegentlich auch Schmuggler die Klinke in die Hand geben, wird die Geschichte von Hermann und Arnold zu einer Erzählung über Familie, Respekt und Zusammenhalt.
Lebendige Charaktere und menschliche Beziehungen
Arnold, ein Mann, der aus bescheidenen Verhältnissen stammt und in einer Welt voller reicher Bauern aufwächst, wird von seiner freiheitsliebenden Frau Betty und seinen acht Kindern begleitet. Besonders Clara, Arnolds älteste Tochter, spielt eine zentrale Rolle in der Erzählung. Ihre unerwartete Liebe zu Hermann, dem Schmuggler, bringt frischen Wind in die ohnehin schon turbulente Geschichte des Dorfes. Als Hermann eines Nachts von der SA entführt wird, führt dies zu einer Welle der Empörung unter den Dorfbewohnern.
Capus, der 1961 in Frankreich geboren wurde und heute in Olten lebt, schafft es, in „Querfeldein“ die politischen Turbulenzen der frühen Nazizeit mit dem alltäglichen Leben zu verweben. Seine Protagonisten sind nicht nur Figuren auf Papier, sie wirken lebendig, fast so, als würden sie uns im Gasthof zur Moskau begegnen. Hier, wo das Aroma von frisch gebrühtem Kaffee und das Lachen von Gästen durch die Luft schwebt, entfaltet sich eine Geschichte, die sowohl die Herzen berührt als auch zum Nachdenken anregt.
Ein Blick auf die Vergangenheit
Die Erzählung spielt nicht nur in einem kleinen Dorf, sondern spiegelt auch die gesellschaftlichen Umbrüche einer ganzen Epoche wider. Capus behandelt Themen wie Partnerschaft, Verbindlichkeit und Liebe – alles in einem Umfeld, das im Schatten des Nationalsozialismus steht. Die Charaktere sind geprägt von ihren Lebensumständen, ihren Kämpfen und dem unermüdlichen Streben nach Freiheit und Respekt.
Die Landschaftsbeschreibungen rund um den Bodensee lassen den Leser die Schönheit und die Herausforderungen dieser Region spüren. Capus‘ Schreibstil ist flüssig und verständlich, mit einem feinen Gespür für Humor, was das Lesen zu einem wahren Genuss macht. Der Roman, der 2026 im Hanser Verlag erscheinen wird, hat das Potenzial, nicht nur als fesselnde Geschichte, sondern auch als wichtige historische Reflexion zu fungieren.
Alex Capus ist kein Unbekannter in der Welt der Literatur. Seit 1994 hat er zahlreiche Werke veröffentlicht, die sich mit unterschiedlichen Themen auseinandersetzen. Von „Diese verfluchte Schwerkraft“ bis hin zu „Léon und Louise“, der für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, zeigt Capus ein beeindruckendes Spektrum an Erzählkunst. Er bringt nicht nur seine persönliche Erfahrung als Kneipenbesitzer, sondern auch seine familiären Wurzeln in seine Geschichten ein, was ihnen eine besondere Tiefe verleiht.
So lässt sich sagen, dass „Querfeldein“ mehr ist als nur ein Roman über einen Schmuggler und ein Gasthaus. Es ist ein Stück Geschichte, das uns einlädt, über die Bedeutung von Zusammenhalt und Respekt nachzudenken – und vielleicht auch darüber, wie stark die Gemeinschaft selbst in den dunkelsten Zeiten sein kann. Und während wir auf die Veröffentlichung im Jahr 2026 warten, bleibt die Vorfreude groß auf diese literarische Reise durch die Vergangenheit und die vielen Facetten des Lebens.
