Die verborgenen Geschichten der Freibäder: Ein Blick in die Badekultur der Ostschweiz
Wenn man durch die malerischen Straßen von Schaffhausen schlendert, kann man förmlich die Geschichte spüren – und das nicht nur an den alten Gebäuden, sondern auch in den historischen Freibädern der Ostschweiz. Jüngst hat der Schweizer Heimatschutz die dritte und überarbeitete Auflage der Publikation «Die schönsten Bäder» veröffentlicht. Diese zeigt uns, wie die Badekultur in der Schweiz über die Jahre hinweg gewachsen ist und sich verändert hat. Die ersten Freibäder entstanden im 19. Jahrhundert, und zwar aus einem ganz praktischen Grund: Viele Menschen hatten in den Städten kein Badezimmer! Wer hätte gedacht, dass Hygiene einmal so ein großes Thema war?
In dieser Zeit zwischen 1883 und 1896 erlebte die Schweiz einen regelrechten «Bäderboom», inspiriert von den prachtvollen Badehäusern in Triest und Venedig. Man kann sich das gut vorstellen: Mit der Erfindung von Eisenbeton entstanden Licht-, Luft- und Freibäder – oft in der Nähe von Flüssen, um die erfrischenden Wellen gleich vor der Haustüre zu haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die alten Holzbadeanstalten durch moderne Strandbäder ersetzt, die große Liegeflächen boten. Und die Zeiten der geschlechtsspezifischen Trennung in den Bädern? Die schienen allmählich der Vergangenheit anzugehören, denn Familienbaden wurde zum Trend.
Acht historische Bäder der Ostschweiz
Ein Blick auf die acht historischen Bäder der Ostschweiz offenbart, wie vielfältig und spannend die Badekultur hier ist. Beginnen wir mit der Rheinbadeanstalt in Schaffhausen, erbaut 1870 von Johann Gottfried Meyer. Das größte erhaltene Kastenbad der Schweiz misst stolze 30 Meter in der Breite und 180 Meter in der Länge. 1913 wurde das Bad um ein Frauenbad erweitert – ein kleiner Schritt in Richtung Gleichberechtigung!
Das Strandbad Hüttwilersee in Hüttwilen TG ist ein weiteres Schmuckstück. Mit neuen Holzbauten aus Fichtenholz, inspiriert von den 1930er-Jahren, und einem 40 Meter langen Kiesstrand lädt es zum Verweilen ein. Auch das Strandbad Buchhorn in Arbon TG, eröffnet 1933, erzählt seine eigene Geschichte. Hier wurde in wirtschaftlich schweren Zeiten gemeinsam von Freiwilligen eine schöne Anlage mit Restaurant und großer Liegewiese gebaut.
Das Schwimmbad Heiden in Appenzell ist nach dem Ersten Weltkrieg entstanden und wurde 1931 von Bäderarchitekt Beda Hefti erbaut, mit nautischen Elementen, die an die Schifffahrt erinnern. In Rapperswil SG gibt es die Seebadeanstalt, bekannt als «Schlossbadi», die während des Zweiten Weltkriegs auf Betonpfählen errichtet wurde. Wer hätte gedacht, dass Baden so viele Geschichten erzählen kann?
Ein weiteres historisches Highlight ist das Frauenbad Kreuzweiher in St. Gallen. 1897 erbaut, war es ursprünglich nur für Frauen reserviert. Künstlich angelegte Wasserspeicher – früher geschlechtergetrennt – erzählen von der Entwicklung der Badekultur. Das Freibad Ygruben in Glarus, eröffnet 1922, sollte aus Spargründen geschlossen werden, hat sich jedoch seit 1996 kantonal und seit 1999 eidgenössisch schützen lassen.
Und last but not least das Freibad Sand in Chur, eines der ersten Freibäder mit Becken, wurde zwischen 1921 und 1922 erbaut und heizt sein Wasser ganz natürlich – nur von der Sonne. Ist das nicht eine schöne Vorstellung?
Die Entwicklung der Badekultur
Was die Badekultur in der Schweiz betrifft, könnte man fast sagen, dass sie ein Spiegelbild der Gesellschaft ist. Während der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten öffentlichen Badeanstalten. In Zürich und Basel beispielsweise wurden Badehäuser für Frauen eingerichtet, um ihnen einen Zugang zum Wasser zu ermöglichen. Diese Entwicklung war nicht nur praktisch, sondern auch ein Schritt in Richtung Gleichheit. Besonders bemerkenswert ist das Pfalzbadhysli in Basel, das 1831 eröffnet wurde und 75 Schülern das Schwimmen beibrachte!
Die erste künstlich gebaute Badeanstalt war übrigens die von Philipp Emanuel v. Fellenberg, die 1822 auf seinem Landgut Hofwil entstand – ein wahrer Vorreiter! Die Hygienestandards haben sich seitdem natürlich gewandelt. Im 19. Jahrhundert waren Bäder vor allem Orte der Körperhygiene, da Badezimmer in vielen Haushalten Mangelware waren. Man könnte sagen, Baden wurde zum Volkssport!
Wie viel sich die Badekultur über die Jahrzehnte hinweg verändert hat! Die strikte Geschlechtertrennung, die einst herrschte, wurde immer wieder hinterfragt. 1919 wurde in Weggis das erste geschlechtergemischte Strandbad der Schweiz eröffnet – ein kleiner Skandal damals, aber auch ein Zeichen des Wandels. Und heute? Baden gilt längst als Volkssport in der Schweiz. Das Bundesamt für Kultur hat sogar das Baden in Rhein und Aare auf die Liste des immateriellen Kulturerbes gesetzt.
Wenn man all diese Geschichten zusammenführt, wird klar: Die Freibäder der Schweiz sind mehr als nur Orte zum Schwimmen. Sie sind ein Teil unserer Geschichte und unserer Identität. Wenn Sie das nächste Mal in einem dieser historischen Bäder eintauchen, denken Sie daran, welche Wege diese Orte hinter sich haben. Vielleicht spüren Sie ja sogar die Wellen der Vergangenheit auf Ihrer Haut!
