In der Schweiz wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein eine Praxis verfolgt, die heute viele Fragen aufwirft und tiefgreifende Auswirkungen auf die Betroffenen hat. Insbesondere in den 1950er-Jahren wurden Babys in Säuglingsheimen untergebracht, oft als Folge gesellschaftlicher Normen, die ledige Mütter und abwesende Väter stark stigmatisierten. Auch Kinder aus Gastarbeiterfamilien blieben von diesen fürsorgerischen Zwangsmassnahmen nicht verschont. Eine aktuelle Langzeitstudie des Marie Meierhofer Instituts für das Kind und des Universitäts-Kinderspitals Zürich hat nun ans Licht gebracht, wie gravierend sich diese frühen Erfahrungen auf die Lebenserwartung der betroffenen Personen auswirken.
Die Forschung untersucht die Sterblichkeitsdaten von 431 ehemaligen Heimkindern, die zwischen 1958 und 1961 im Zürcher Säuglingsheim lebten, und vergleicht diese mit etwa 400 Personen aus der Allgemeinbevölkerung, die zur gleichen Zeit geboren wurden und in ihren Familien aufwuchsen. Die Ergebnisse sind alarmierend: Nach dem 60. Geburtstag haben die ehemaligen Heimkinder ein um 48 Prozent höheres Sterberisiko. Ihre durchschnittliche Lebensdauer ist um etwa 12 Jahre verkürzt. Besonders auffällig ist, dass Todesfälle vor dem 40. Lebensjahr doppelt so häufig auftreten, oft aus unbekannten Gründen.
Die Schatten der Vergangenheit
Die Studie zeigt auf, dass die Kinder im Säuglingsheim zwar ausreichend medizinisch versorgt wurden, jedoch unter gravierendem Mangel an Zuwendung und sozialer Interaktion litten. Sie hatten weniger als eine Stunde Kontakt zu Betreuungspersonen pro Tag und verbrachten den Großteil des Tages isoliert in ihren Bettchen. Diese psychosozialen Deprivationseffekte führen zu langfristigen gesundheitlichen Konsequenzen, die mit bekannten Gesundheitsrisiken wie dem Rauchen vergleichbar sind. Die Forscher betonen, dass fehlende Zuwendung und Anregung gravierende Folgen für die Entwicklung und Gesundheit der Kinder hatten.
Die Stadt Zürich hat mittlerweile das begangene Unrecht anerkannt und plant eine offizielle Entschuldigung sowie einen Solidaritätsbeitrag für die Betroffenen. Diese Schritte sind wichtig, um die dunkle Geschichte der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen in der Schweiz aufzuarbeiten. Die Studie, die im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 76 «Fürsorge und Zwang» des Schweizerischen Nationalfonds durchgeführt wurde, bietet einen bedeutenden Beitrag zu diesem Prozess.
Eine internationale Relevanz
Die Erkenntnisse der Zürcher Studie sind nicht nur für die Schweiz von Bedeutung, sondern werfen auch ein Licht auf die Erfahrungen von Millionen von Kindern weltweit, die unter ähnlichen Bedingungen aufwachsen mussten. Viele Betroffene erinnern sich nicht an ihre frühen Jahre, da sie zu jung waren, um sich an die traumatischen Erlebnisse zu erinnern. Diese historischen Umstände bieten jedoch eine einzigartige methodische Grundlage, um die individuellen Auswirkungen der Platzierung im Heim zu untersuchen.
Die Ergebnisse zeigen das große Leid, das aus der damaligen Praxis resultierte, und machen deutlich, dass die Aufarbeitung solcher Themen essenziell für die Gesellschaft ist. Die Studienergebnisse wurden unter dem Titel „Survival of the nurtured: A 60-year follow-up study on mortality in institutionalised infants.“ veröffentlicht und bieten eine wertvolle Perspektive auf die langfristigen Folgen für die Betroffenen.