Migration und Mobilität: Die Herausforderungen und Chancen für die Schweiz
In der Schweiz hat das Thema Migration und Mobilität einen ganz besonderen Stellenwert. Es ist nicht nur ein Land der Einwanderung, sondern auch ein Ziel für viele, die auf der Suche nach neuen Möglichkeiten sind. Aktuelle Forschungen an acht Schweizer Hochschulen, geleitet von Gianni D’Amato im Rahmen des Nationalen Forschungsschwerpunkts «NCCR – on the move», beleuchten dieses komplexe Zusammenspiel. Dabei werden die Lebensläufe von Migranten unter die Lupe genommen – von denen, die hierher kommen, um zu studieren oder zu arbeiten, bis hin zu denjenigen, die die Schweiz wieder verlassen oder sich niederlassen. Ein spannendes Feld, das viel über unsere Gesellschaft verrät!
Ein Beispiel für die vielschichtige Migrationserfahrung ist die Geschichte von Liliana Azevedo. Als Kind portugiesischer Einwanderer hatte sie in den 1980er Jahren keinen Aufenthaltsstatus und besuchte eine katholische Privatschule für «papierlose» Kinder. Ihr Werdegang ist vielschichtig: Nachdem ihr Vater eine Aufenthaltsbewilligung erhielt, konnte sie schließlich die öffentliche Schule besuchen. Bereits mit 17 Jahren beantragte sie die Schweizer Staatsbürgerschaft, um aktiv am politischen Leben teilzunehmen. Heute pendelt sie zwischen Lissabon und der Westschweiz und forscht weiter über die portugiesische Migrantengruppe in der Schweiz.
Abwanderung und ihre Auswirkungen
Doch die Schweiz hat nicht nur mit Zuwanderung zu kämpfen; auch die Abwanderung spielt eine bedeutende Rolle, insbesondere in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten. Doktorand Great Udochi untersucht, wie sich die Abwanderung in den Kantonen Neuenburg und Glarus während der Wirtschaftskrisen der 1970er und 1990er Jahre ausgewirkt hat. Überraschenderweise zeigt seine Forschung, dass auch in einem Einwanderungsland wie der Schweiz auf regionaler Ebene Abwanderung stattfindet. Der Kanton Neuenburg hat darauf reagiert, indem er einen Niederlassungsbeauftragten eingestellt hat, um neue Unternehmen und Einwohner zu gewinnen. Glarus hingegen hat mit Steuervergünstigungen für Familien und der Fusion seiner Ortsgemeinden auf finanzielle Herausforderungen reagiert.
Die Zahlen sprechen für sich: Laut den Statistiken des Bundesamts für Statistik (BFS) gibt es in der Schweiz eine bemerkenswerte Mobilität. Ungefähr 25% der Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund. Diese Vielfalt bringt nicht nur kulturelle Bereicherung, sondern auch Herausforderungen mit sich, vor allem in der Integration und im Arbeitsmarkt.
Fachkräftemangel im Fokus
Gerade in der aktuellen Diskussion um den Fachkräftemangel wird deutlich: Die Schweiz hat eine Arbeitslosenquote von lediglich 2%, was als Vollbeschäftigung gilt. Dennoch wird ein leichter Anstieg der Arbeitslosigkeit prognostiziert. Ein solches Szenario bringt die Forderung nach einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Löhne mit sich, um Fachkräfte zu gewinnen und zu halten. Interessanterweise sind Gewerkschaften mit den aktuellen Lohnverhandlungen unzufrieden, da die Löhne trotz des Fachkräftemangels kaum gestiegen sind.
Über 80 Experten und Expertinnen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik haben kürzlich an der ETH Zürich erörtert, wie wichtig es ist, Migrationshürden abzubauen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Es zeigt sich, dass dies nicht nur ein Schweizer Problem ist – viele entwickelte Volkswirtschaften kämpfen mit ähnlichen Herausforderungen. Eine Willkommenskultur für Migranten ist daher unerlässlich, um das Potenzial dieser Gruppen zu nutzen.
Die Integration von Geflüchteten, besonders aus der Ukraine, ist ein weiteres Thema, das dringend angegangen werden muss. Die Erwerbsintegration liegt im Durchschnitt bei gerade mal 20%. Es braucht dringend Verbesserungen in der Aus- und Weiterbildung sowie in der Kinderbetreuung, um das volle Potenzial der Bevölkerung auszuschöpfen.
Die Herausforderungen sind groß, aber die Möglichkeiten auch. Einwanderung allein kann den Fachkräftemangel nicht lösen. Es braucht einen ganzheitlichen Ansatz, der auch das inländische Potenzial und technischen Fortschritt berücksichtigt. In einer Zeit, in der die Gesellschaft sich ständig wandelt, bleibt zu hoffen, dass die Schweiz den richtigen Weg findet, um sowohl Migranten als auch der einheimischen Bevölkerung gerecht zu werden.
