Am 27. April 2026 beginnt in Bellinzona ein Prozess von historischer Dimension. Im Mittelpunkt steht Gulnara Karimowa, die Tochter des ehemaligen usbekischen Präsidenten. Bekannt als Popsängerin, Modedesignerin und ehemalige UNO-Botschafterin, fiel sie 2014 in Ungnade und wurde unter Hausarrest gestellt, bevor sie schließlich ins Gefängnis kam. Ihr werden Schmiergelder in Milliardenhöhe von internationalen Telekomkonzernen vorgeworfen, und sie soll ein Netzwerk aufgebaut haben, das Bestechungsgelder forderte. In der Schweiz wird sie beschuldigt, Hunderte Millionen Franken über Bankkonten, Firmenkonstrukte, Immobilien und Schließfächer gewaschen zu haben.
Die Anklage umfasst nicht nur Geldwäsche, sondern auch die Beteiligung an einer kriminellen Organisation. Mitangeklagt sind die Genfer Privatbank Lombard Odier und ein ehemaliger Mitarbeiter. Diese Bank steht im Fokus der Ermittlungen, weil sie möglicherweise nicht alle erforderlichen Maßnahmen zur Verhinderung der mutmaßlichen Handlungen getroffen hat. Bei der Frage, ob die Bank aktiv in Geldwäsche verwickelt ist, bleibt die Antwort unklar. Die Verfahren ziehen sich seit 2008 hin und wurden erst 2025 zusammengelegt, was die Komplexität der Situation unterstreicht.
Internationale Dimensionen der Korruption
Die Schweiz gilt aufgrund ihrer politischen Stabilität und Lücken im Geldwäschereigesetz als attraktiv für Geldwäsche. In diesem konkreten Fall wurden insgesamt 800 Millionen Franken beschlagnahmt, die über Hilfsprojekte an die usbekische Bevölkerung zurückgegeben werden sollen. Ein Rückgabeabkommen von August 2022 sieht vor, dass die Gelder über einen UNO-Treuhandfonds verwaltet werden, um Bildungsprojekte zu finanzieren und die Kinder- und Müttersterblichkeit zu reduzieren.
Im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit hat die Schweiz Maßnahmen ergriffen, um illegale Finanzflüsse zu bekämpfen. Der Finanzplatz Schweiz bekennt sich zu internationalen Standards zur Bekämpfung von Korruption und Geldwäsche. Seit 2017 erfolgt ein automatischer Informationsaustausch über Finanzkonten mit über 100 Partnerstaaten, und im Jahr 2024 wurden Daten zu rund 4 Millionen Finanzkonten ausgetauscht. Diese Aktivitäten sind Teil der Bemühungen der Schweiz, sich aktiv in der Bekämpfung von Finanzkriminalität zu engagieren und Transparenz zu fördern.
Ein Ausblick auf den Prozess
Ob Karimowa am Prozess teilnehmen kann, bleibt ungewiss. Sie sitzt seit 2014 in Usbekistan in Haft, und ihre Haftbedingungen wurden von einer UN-Arbeitsgruppe als willkürlich eingestuft. Fragen an Karimowa konnten nur über die usbekische Generalstaatsanwaltschaft übermittelt werden, was ihre Verteidigung stark einschränkte. Der Prozess in Bellinzona könnte weitreichende Auswirkungen auf das internationale Verständnis von Korruption und Geldwäsche haben und könnte eine wichtige Rolle bei der Überprüfung der Praktiken im Finanzplatz Schweiz spielen.
Die kommenden Monate werden zeigen, wie sich dieser komplexe Fall entwickeln wird und welche Lehren daraus für den Umgang mit Wirtschaftskriminalität und illegalen Finanzflüssen gezogen werden können. Klar ist, dass die Schweiz durch diesen Prozess erneut in den Fokus der internationalen Gemeinschaft rückt und sich der Herausforderung stellen muss, ihre Rolle als sicherer Hafen für Gelder aus fragwürdigen Quellen zu beleuchten.